12.05.2014

jirgl gekauft, auf dem klo jirgl gelesen. nichs von euch auf erden. seit jahr und tag versuche ich mich an jirgl. ein so wunderbar klingender name, tschechisch, jiddisch, und dann die ganzen preise, bis hin zum büchner. der vielleicht wichtigste autor der gegenwart, so stehts im klappentext. lange zeit bin ich zurückgeschreckt vor dem schriftbild. einmal hab ich mich durchgefressen, durch den abschied von den feinden. mutter vater roman, in der ddr-erstausgabe, steht noch immer aus. und ich war begeistert, so sehr, dass es gärte und aus mir orthografisch fragwürdiges abgesondert wurde, auf das ich nicht näher eingehen muss. verdaut war da noch lange nichts. auswärts bin ich kaum in berührung gekommen, inzwischen verspürte ich wieder appetit.

also: nichts von euch, auf erden. ein buch zum fliegentöten, so grimmig, so gewichtig. die ersten zeilen, als auftakt zum utopischen, klingen nach altbekanntem kulturpessimismus und untergangsgedröhn. es raschelt die apokalypse.

u: in diesem Land wuchs, schneller als des Menschen Geist, des Menschen=Gier….. Trieb in andre Länder mit Glaube=Waffen=Geld. […] Kinder Alte auf-Jagd nach Demvergnügen mal mehr mal weniger Spiel Suff Drogen Rausch Kino Musick […] VERZWEIFLUNG….. ?!Was soll weiter sein. Mehr als NICHTS….. ist nicht. Fleisch wird zu Erde Erde tut sich auf –

nach so viel untergang und hölle gleich zu beginn ist mir nicht so sehr der sinn nach mehr. mein erster, inzwischen verstorbener professor, meinte zu diesen dingen: ist ne temperamentsfrage. wohl wahr. ich fürchte, fröhlich wird das hier keineswegs. sondern brachial. mit der gewalt eines phil collins songs. oh, think twice. man, jirgl. das hätt ich nicht erwartet. aber ich ziehs mir trotzdem rein. aufm wc, spülen nicht vergessen.

12.05.2014: Die Rosenbaum-Doktrin

unlängst kam mir ein kleines büchlein des independent-verlages SuKuLTuR unter. darin unterhält sich wolfgang herrndorf mit friedrich jaschke. während man den einen, herrndorf, durchaus kennt und seinen tod betrauert, verhält es sich mit dem anderen nicht so: mit wem zum geier spricht herrndorf da? kurz: herr jaschke ist beinah siegmund jähn gewesen, der erste deutsche im weltall. er war im selben trainingsprogramm wie jähn, konnte ziemlich gut kopfrechnen, wie er im interview beweist, und war nach eigener aussage in eigentlich allen belangen besser, doch die parteiführung entschied anders. jaschke ist zum zeitpunkt des gespräches, das in einem berliner altersheim stattfindet, 58 jahre alt, hat multiple sklerose und lungenkrebs, und vier wochen nach dem gespräch wird er tot sein. so steht es ganz am ende des büchleins. das gespräch selbst ist wohl sein denkmal, eins der wirklich schönen sorte. jaschke, der verhinderte kosmonaut, plaudert über seine erlebnisse in der Raumfahrt, ihre entwicklung nach dem ende des zweiten weltkrieges. dass die amerikaner ihr raumfahrtprogramm mit hilfe von wernher von braun aufbauten, die russen aber bei satelliten und der bemannten raumfahrt schneller waren. oder dass es im weltall, in den raumschiffen, ziemlich stinkt, weil man dort nicht lüften kann. und wie abergläubisch die gesamte politische führung moskaus und washingtons waren.

„Keine politische Entscheidung, ohne dass der Mann mit dem Pendel kommt. […] Alle Leute, die sich mit der Fliegerei beschäftigen, haben einen Hau. Die glauben nicht an Gott, aber die denken, wenn sie eine Stiege rückwärts hochgehen, passiert ein Unglück.“

und das ist der nucleus des gespräches: der glaube an das unerklärliche. oder vielmehr: die panische angst davor und was dagegen zu tun sei. das ist der zweck der nach dem russischen kybernetiker leonid rosenbaum benannten doktrin: wie verhält man sich bei unerklärlichem? die frage und die doktrin zielt auf die handhabung der religiösen bzw abergläubischen furcht:

„Es gibt nichts Unerklärliches, konkret hieß das, in der sowjetischen Fachsprache: WENN da oben etwas Unerklärliches auftaucht, also was auch immer – Außerirdische – erschießen wir das mit der Bordkanone und tun so, als hätten wir nichts gesehen. (lacht)“

das ist ungefähr so wissenschaftlich wie der junge, der im keller auf spinnenjagd geht, eine findet und sie vor schreck tottritt. das ist ziemlich lächerlich bzw sehr schön. an diese doktrin des schreckhaften schließt sich dann das spiel mit dem wissen über die uns bekannte raumfahrtsgeschichte an: was von dem ganzen kram ist inszeniert, was real? armstrongs rede vom kleinen schritt für einen menschen, doch großen für die menschheit wird von jaschke als scripted reality dargestellt. ebenso wird die vermutung laut, dass gagarin oder jähn bei ihren weltallflügen aufgrund der doktrin außerirdische erschossen haben, und keiner weiß davon: eine sowjetische area 51 wurde mit der doktrin quasi unmöglich. auch sind die ehemaligen kosmonauten entweder verschwunden, gestorben oder verblödet.

„Gagarin ist zum Säufer geworden, und dann wurde er dem ZK peinlich, und bei einem Flugzeugunglück haben sie ihn abgestürzt. Im Westen war das nicht anders.“

zur mondlandung im hollywoodstudio ist es da nicht mehr weit. das gespräch wird zu einem sehr unterhaltsamen spiel mit realitäten und was man so alles für möglich hält – bzw ist es von anfang an.

denn weder die rosenbaum-doktrin noch friedrich jaschke hat es je gegeben.

dafür aber wolfgang herrndorf. und seine großartige erzählung gibt es noch immer. hier und hier.