später mal

immer wieder sehe ich menschen mit down syndrom in der stadt, im bus, in der bahn, manchmal mit begleitung, oft auch ganz für sich. so wie gestern in der s-bahn. der mann gähnte herzhaft und fuhr sich müde durch die haare und stieg in altona aus. und ich sah meinen wunderbaren sohn anatol dort sitzen und fragte mich, was er machen wird, wenn er 15 ist oder 20 oder 40. wenn ich eines tages nicht mehr da bin. was wird er tun, wie wird er leben, wird er auch in der bahn sitzen, müde aber selbstbewusst, wird er glücklich sein, wird er freunde haben, die ihn als mensch lieben und nicht aus sozialer verpflichtung für einen behinderten, wird er eine familie haben, kinder, arbeit, wohnung – wird er so leben, wie er es möchte? fragen, die für seine schwester liljana ganz genauso gelten, doch bei ihr ist es etwas leichter, sich das vorzustellen. bei anatol wird es schon in zwei jahren problematisch, wenn er in die schule kommt, er darf nämlich auf die meisten nicht, weil er ja DS hat. und damit wird er als behinderung wahrgenommen, nicht mehr als mensch mit persönlichkeit. das geschieht auch jetzt schon oft genug, doch diese fixierung wird zunehmen und wir werden so viel wie möglich tun, dass er da durchkommt und dennoch einigermaßen selbstbestimmt aufwachsen und leben kann. damit ich ihn dann eines tages in der bahn treffen kann, auf dem weg zur bandprobe oder seinem sportverein, und dann zeigt er mit dem finger auf mich und strahlt seine tolja-freude durch den Zug und dann drücken wir uns ganz fest und verpassen es auszusteigen an seiner station. oder?

Geschenk

Meine Tochter Lili mag nunmal Fillys (ihr Brüderchen Tolja mag die ziemlich kitschigen, fliegenden magischen Einhörner ebenfalls und steckt sie sich deshalb gerne in den Mund; seine große Schwester findet das dann wieder eklig). Zu Weihnachten hat sie sich eine Filly-Geschichte von mir gewünscht. Und hier ist sie:

 

Lilis Billy-Filly Weihnachtsgeschichtilly

Ein wunderherzliches, graumeliertes Filly mit eisroten Flügeln schnurpste auf einer Wiese im tiefblauen Gras nach Rumbawumpeln. Der gelbe Himmel war wolkenlos und die Sonne schien allerglücklichst hellgrün.
„Ich heiße Billy-Filly und auf dem Rumbaplaneten ist alles überall immer komisch“, sagte das Filly in die Kamera und lächelte lila. Dann hob es ein paar bananenförmige Äpfel auf und warf sie zurück an den Baum.
Da kamen zweiundzwandzig weitere Fillys herbeigewurschtelt. „Komm“, sagte Aqualux-Filly, „wir fliegen zum Erdbärbogen und stecken verspielen.“ Der Erdbärbogen, muss man wissen, leuchtet nur durch den Himmel, wenn die pink gepunkteten Bären aus allen Zitronen zur Erde fallen, also wenn es Erdbären regnet und die grüne Sonne strahlt. Das sieht toll aus!
Sofort flogen Billy-Filly und seine Bande los.
Aber jenseits der düsteren Staub-, Schmutz- und Kellerberge waren weit und breit keine Erdbären zu sehen, ganz zu schweigen von einem Bogen oder Zitronen. Der Himmel hatte sich ganz schmutzig verfärbt, wie wenn Tolja das Pinselwasser umgeschüttet hat. „Och, nicht traurig sein – lächeln“, sagte jemand hinter der Kamera. Doch Billy-Filly wollte nicht lächeln und auch die ganze Bande war sauer. „Hier ist ja alles ganz dings“, sagte Billy-Filly wütend, „und wer hat überhaupt die Erdbären versteckt?“
„Vielleicht suchen wir bei den Schokomöhren und Kekshühnchen?“, fragte Aqualux-Filly, das stellvertretender Anführerkönig war. „Gute Idee“, meinte Billy-Filly, die Königin vom Rumbaplaneten, denn nur Königinnen haben einen Namen, der sich reimt.
Und so kam es, dass auf dem Dachboden der Schlecht-Wetter-Mühle hinter den Staub- Schmutz- und Kellerbergen, wo die Kekshühnchen wohnten und Schokomöhren züchteten, wildes Gegacker zu hören war, denn sie sahen aus ihrem düsterschmutzigen Geheimversteck, dass die zornige Filly-Bande im Anflug war. Die Schlecht-Wetter-Mühle drehte sich so hastig, als hätte sie beim Friseur auf eine Zitrone gebissen. Aus den eisroten Mühlenflügeln rauschten jede Menge geheimversteckter Erdbären und flogen in höchstem Bogen zur Erde. Die grüne Sonne lachte und es sah wunderschönst aus.
Irgendjemand machte die ganze Zeit Fotos. „Die bekommen Oma und Opa zu Weihnachten“, sagte Filly-Billy und die ganze Bande jubelte. Dann gab es Spaghetti mit Tomatensoße.