damals das glück einer müden zeit

nach der lesung von olga grjasnowas roman „gott ist nicht schüchtern“ der gedanke, zu welchen brutalen repressionen heutige regime in der lage und auch willens sind. syrien, iran, türkei, russland, auch in europa grassiert die politische brutalität, häufig nur des wortes und der haltung, aber schamlos im geiste und verachtend jede widerrede.

mir ist klar geworden, zu welch glücklicher zeit der osteuropäische umbruch von 1989 stattfand, als die regime allesamt, sowohl ideologisch als auch ökonomisch, an der ermüdung angelangt waren. die staatlichen organe und regimediener handelten unmoralisch im sinne ihrer eigenen ideologie, weil die kommunistische moral durch nichts mehr aufrecht zu halten war. dem verlust war eine ökonomische maximalkrise vorausgegangen. spezialfall jugoslawien. und weil osteuropa weltökonomisch vollkommen unbedeutend war bzw noch immer ist. es gibt schlicht keine ressurcen dort, um die sich mächte streiten wollten. 

die heutigen repressionsapparate arbeiten allesamt kapitalistisch, ausbeutend, und können so ihren dienern ein unverschämtes versprechen bieten, für das sie alle bereit sind zu töten: ein besseres leben als der rest. auch wenn die ideologische moral der regime im arsch sein sollte, die ökonomische moral ist ungebrochen und bringt stets neue regime hervor. und: sie sind alle vorbereitet. wir damals, im osten, revoltierten glücklich in einer stillen müden zeit, einer zeitgasse, einer zeitlagune des glücklichen, historischen zufalls.

wie 25 oder 43

es ist so viel glück im naherholungsgebiet, menschen unter hüten, in sonntagskleidern, im wattenmeer, und da hinten die wirtschaftswunderskyline von wilhelmshaven. als könnte augenblicklich das donnergrollen der nahenden bomber anheben. als wäre in der ferne ein krieg, der auch über diese küste rollen kann. oder ist das gar der fall?

begegnung, 25 jahre später

um die zeit meines geburtstages 1991 war ich, ein neuntklässler in vorbereitung auf die im jungen bundesland thüringen neu eingeführte gymnasialphase, mit den klassischen themen der pubertät voll ausgelastet. erste liebesversuche, beginn der selbstfindung durch grenzüberschreitungen, identitätsstiftung durch musikgeschmack, kleidung, freundschaftsbande, formung intellektueller koordinaten. der wechsel vom orchester- und quartett-bratscher zum laiendarsteller im jugendtheater bahnte sich an. der zukunftshorizont war unscharf mit schulabschluss definiert. das land, in dem ich mich bewegte, war erst vor wenigen monaten entstanden, hatte dafür umbrüche und veränderungen erfahren, die sich intensiv auf meine biografie auswirkten (ohne, dass mir die auswirkungen zu diesem zeitpunkt tatsächlich absehbar waren) – mit ausnahme des ersten irakkriegs war meine weltvorstellung stark limitiert. dass also zum zeitpunkt, an dem ich geschenke entgegennahm, die ich heute nicht mehr erinnere, im syrischen aleppo ein junge geboren wird, mit dem ich 25 jahre später 6 monate meiner lebenszeit in hamburg teile, als dozent und kursteilnehmer, zusammengeführt durch entscheidungen und entwicklungen, über die wir in den meisten fällen keine kontrolle hatten, lag damals jenseits meiner vorstellungskraft – und seiner bis vor wenigen jahren ebenfalls. die frage, die unbeantwortet bleibt, ist: welchen einfluss hätte die information über diese begegnung gehabt, wenn sie mir damals vorgelegen hätte? man kann sich selbst beim handeln nur rückwirkend betrachten. der handelnde ist immer gewissenlos, es hat niemand gewissen als der betrachter.