The good, the bad and the ugly Mesut

Mesut Özils Rücktritt von „Die Mannschaft“ und das enorme nationale und internationale Echo, das durch seinen enorm wütenden Abgang in drei Statements ausgelöst wurde, ist nicht nur „eine Zäsur„, ein „Alarmzeichen„, „fatal“, „traurig“ oder gar „erfreulich„, wie es Uli Hoeneß, das populistische Dreckschwein das Milliardengeschäfts Fußball, im Einklang mit der strafend urteilenden BILD-Zeitung verlauten ließ. Es ist ein Symbol für die massiven Veränderungen des Sports Fußball und ebenso für all das, was seit vielen Jahren an Schizophrenie und Hysterie in der Gesellschaft existiert. Özils Rücktritt, die Art und Weise des Rücktritts und vor allem die Vorgeschichte, lässt sich politisch, gesellschaftlich und sportlich deuten, und stets ohne viel Optimismus.

Eigentlich ging es schon immer hoch her um einen jungen Spieler, der medial stets kontrovers diskutiert wurde und neben viel Lob auch reichlich Anfeindungen ertragen musste – allein die ewige, unsäglich nationalistische Diskussion um das Nichtsingen der Nationalhymne. Seit vielen Jahren, im Grunde seit der „Wiedermobilmachung“ durch Klinsmann/Löw, dem damit verbundenen Erstarken des deutschnationalen Emotionalisierung der Nationalmannschaft und flankiert von der unsäglichen „Du bist Deutschland„-Kampagne, wurde die wichtigste Mannschaft des DFB als Projekt gesehen und inszeniert, das die gesamte Gesellschaft repräsentieren soll. Wenn also „Die Mannschaft“ auch ein Spiegelbild der Gesellschaft sein soll, so ist sie es nach Özils Rücktritt umso mehr. Der (berechtigte) Vorwurf der Ungleichbehandlung einzelner Spieler und dem diese motivierenden Rassismus bedeutet die schwerste Beschädigung der „Einheit“. Und ist das Auszeichen dessen, was in den europäischen Gesellschaften immer virulent war, oft diskutiert und stets verdrängt wurde: dass Nationalismus und Rassismus nicht zu trennen sind. Dass nationale Identität (und das Verlangen nach dieser) Moralisierungen, Normierungen, Einzäunung und vor allem Ausgrenzung bedeutet. Und ganz besonders katastrophal ist dies sichtbar am mit gesellschaftlicher Bedeutung maximal überhöhten nationalmannschaftlichen Fußballspiel – eine Bedeutungsüberlastung, die zu aktiven Zeiten eines Uli Hoeneß unmöglich gewesen wären.

Ob Özils und Gündogans Foto mit Erdogan eine Dummheit, naiv, einfach nur ein Foto oder sonst etwas ist – die wohl besten Äußerungen kamen von Jürgen Klopp und Dietmar Hamann – Fakt ist, dass Sportler, die zu Zeiten eines Andreas Brehme oder Jens Jeremies noch die größten Deppen sein durften und dennoch von allen gemocht wurden, inzwischen als symbolisch wertvolle Image-Ware aufgeladen sind: Regierungschefs und Präsidenten schmücken sich mit erfolgreichen Athleten, um vom Glanz der verschwitzten Stars be- und erleuchtet zu werden. Nationalspieler sind die Gladiatoren der Gegenwart, Quasi-Heilige mit politischem, gesellschaftlichem Mythos, von ihnen wird eine vorbildliche (angepasste) Lebensführung (bitte kein homo), politisch differenzierter Sachverstand und moralische Makellosigkeit im Sinne der Staatsräson erwartet. Und nun das: ein unmoralisches Bild und ein historischer Turnier-Absturz. Bundestagsabgordnete diskutieren medial aufwändig monatelang über ein Foto von zwei Sportlern – was für ein nationaler Wahn in diesem Land (in ganz Europa) gewachsen ist. Nicht die Fotos sind das Problem, sondern die unfassbar moralische, strenge, strafende, erdrückende Diskussion darüber: Gleich den Diskussionen um den Maidan-Aufstand, dem russisch initiierten Bürgerkrieg in der Ukraine, der „Flüchtlingskrise“, der zweifelhaften Aufarbeitung des NSU, der „metoo“-Debatte, der Kriminalisierung des Protestes gegen G20 und jüngst der Seenotrettung – die Diskussionen werden unversöhnlich und mit großer moralischer Strenge geführt, stets geht es um Schuld und Strafe, um Verurteilung, Verachtung und Hass. Es sind beinah religiöse Auseinandersetzungen um gut und böse, um Wahrheit und Lüge, um Toleranz und Dominanz, Freiheit und Ordnung (Sicherheit), Nation und Gesellschaft, die ihren Furor entfalten, ausgelöst an den Bruchstellen der moralischen Eindeutigkeit.

Özil trifft in seinen wütenden Statements die Wunden einer sich moralisch integer inszenierenden, doch Korpsgeist und Eindeutigkeit verlangenden Gesellschaft: ein Deutsch-Türke ist eine auf die Herkunft (der Eltern oder Großeltern) reduzierte und ausgegrenzte Person, und insbesondere bei „Deutsch-Türken“ wird das stets thematisiert. Das Bekenntnis zu einer Nation verlangt vollständige Identifikation „mit den Werten“, also klare Eindeutigkeit ohne Differenz – abweichende Haltungen gehören nicht ins Image und werden abgelehnt. Wenn „Deutsch-Türken“ sich politisch mündig verhalten und anders entscheiden, als das die meisten „Nicht-Deutsch-Türken“ tun würden (was bittschön auf jeden Fall als Bekenntnis gegen die deutsche Demokratie zu verstehen ist), werden sie automatisch außerhalb „unserer Werte“ positioniert und haben sich dafür zu rechtfertigen, so auch Özil und Gündogan – dabei ist dieses Positionieren und das Rechtfertigungsverlangen in der Tat nationalistisch und rassistisch motiviert. Der gute Migrant verhält sich so, wie es die Mehrheitsgesellschaft von ihm erwartet, der schlechte Migrant bekennt sich zum Migrant-Sein (zeigt sich „integrationsunwillig“) und der hässliche wird auch noch politisch aktiv bzw berührt eine politische Sphäre, die ihm eigentlich nicht zugestanden wird. Der gute Mesut spielt überragend und besser als alle anderen im Tournier, der schlechte Mesut singt die Hymne nicht und spielt dann auch noch miserabel (weil unauffällig), der hässliche Mesut aber macht unbegreifliche Fotos und beklagt wütend seine Ungleichbehandlung. Der Sport Fußball ist längst zu einer hysterischen Metapher der Gesellschaft geworden. Fußballspieler der Nationalmannschaft von heute sind keine Personen mit individuellen Eigenschaften, sondern Symbole und Projektionsflächen, überindividuelle Projekte, an denen ein ganzes Land wachsen oder scheitern kann. Özils Statements sind eine wütende Rebellion dagegen – und vor allem ein Symbol für die enorme Frustration insbesondere von Migranten in Deutschland, sich immer wieder für sich selbst rechtfertigen zu müssen gegenüber einer strafenden, urteilenden, selbstgerechten Mehrheitsgesellschaft, die sich selbst für liberal und aufgeklärt und hochdemokratisch hält und dabei ihren diskriminierenden, rassistischen, kolonialen Grundkonsens verdrängt.

vom indianersein

als indianerjunge in pionierlager und politechnischer oberschule erzogen wir uns im sportlichen wettstreit. wir sollten lernen, den körper zu kontrollieren, zu bändigen, zu knechten, zu beherrschen, zu trainieren und im schmerz zu ertragen. bereit zu sein, wofür auch immer. wir rannten, rangen, zogen taue, kletterten wände hinauf, machten liegestütze. ich aber lernte, meinen körper zu verachten, weil er sich nicht verhielt wie vorgesehen, weil er mich im stich ließ, weil ich unterlag. ich schämte mich, weil ich ihn nicht unter kontrolle bekam und versagte, mich zu wenig bemühte und anstrengte, die norm nicht erfüllte, nicht zum athleten taugte und insgesamt viel zu schwächlich war, um sozialistischer indianer zu sein. dieses ganze soldatische, einer wie der andere zu sein, demütigte. meine stärken lagen in der defensive, im müßiggang, im verborgenen.

the glitch

sich vom stundenlangen blick auf den bildschirm zu erholen, am besten nach einem dieser hamburger regen joggen zu gehen, wenn die luft so frisch ist, dabei jedoch permanent aus dem rhythmus zu geraten, da auf den wegen myriaden von nacktschnecken ihre existenz zur schau stellen, diese programmierfehler des wetters, auf die zu treten ein derart schmatziges geräusch macht, dass es noch im schlaf nachhallt und zu schrecklich glitschigen alpträumen führt, so dass – ach, scheiß drauf.