Zufall, Beliebigkeit, Poesie und Unverständnis

Marion Poschmann Die Kieferninseln

Es ist ein Auszeichen guter literarischer Texte, dass sie in ihren Lesarten tendenziell unabschließbar sind und sich vielen, auch vollkommen konträren Perspektiven öffnen. In diesem Sinn kann Marion Poschmanns „Die Kieferninseln“ als guter literarischer Text verstanden werden, da das Buch sowohl auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht und sowohl hoch gelobt als auch stark kritisiert wird. Eigenartigerweise verdankt sich diese Offenheit aber in erster Linie einer Leere und einem fehlenden Kern des Textes, denn er zerfällt in viele kleine Teile, deren innerer Zusammenhang sich oft nicht erschließt. Anders gesagt: Ich weiß nicht, worum es überhaupt im Text geht, was sein Thema ist, was eigentlich erzählt wird. Selbstsuche? Wohl kaum, dafür ist die Hauptfigur zu dürftig und besitzt keinerlei Fallhöhe oder Tiefe. Culturclash in Japan? Nach Lost in Translation schon eher banal. Irgendwas mit Gedichten? Vermutlich.

Ein Begriff taucht in den Besprechungen zu den „Kieferninseln“ immer auf: Poesie. Oder wie es in der Jurybegründung zur Shortlist heißt: Mit der Intensität eines Haikus [wird] jedes augenscheinlich noch so unbedeutende Detail […] Poesie. Was auch immer das bedeuten mag, wenn etwas in einem Roman zu Poesie wird. Das Wort scheint in den Rezensionen und Beschreibungen des Romans die signifikante Leerstelle füllen zu müssen: irgendetwas Unaussprechliches, vielleicht sogar Unbegreifliches – ein ehrfurchtsvolles Raunen. denn es gibt halt Dinge zwischen Himmel und Erde, nach denen der menschliche Verstand auf immer vergeblich greifen wird, schreibt Katharina Granzin gleich zu Beginn ihrer Buchbesprechung in der taz. Und eigentlich schiebt sie mit dieser müden Formel nur ihr Unverständnis am Text beiseite:

Was haben Bärte mit Bäumen gemeinsam? Besteht eine geheime poetische Verbindung zwischen dem Haarwuchs am männlichen Kinn und dessen Form und Pflege sowie dem Wesen und Gedeihen der japanischen Schwarzkiefer? Das ist eine große Frage, deren Beantwortung letztlich offen geblieben ist, wenn man Marion Poschmanns „Kieferninseln“ nach vollendeter Lektüre zugeklappt hat.

Denn genau diesen faden Eindruck hinterlässt das Buch: irgendwas raunt da poetisch geheimnisvoll, aber nichts Genaues weiß man nicht und eigentlich ist alles völlig unklar, wenn nicht sogar ziemlich beliebig, fast lächerlich. So wie die Motivation der albern benannten Hauptfigur Gilbert Silvester, das Weite zu suchen und damit den Text in Gang zu setzen: Ein schlechter Traum, den er so hysterisch daß (sic!) ihm beim erregten Sprechen etwas Speichel aus dem Mund gesprüht war und also von Anfang an als lächerliche Figur gezeichnet gegen seine Frau Mathilda verteidigt. Die Frau, von Gilbert als Wesen irrationaler weiblicher Strategie disqualifiziert, die nicht weiß, wie ihr geschieht, und die er doch immer wieder als Adressat seiner Reisebetrachtungen aufruft – sie ist Zuschauerin in weiter Ferne: Was tut der Mann da, was soll das? Und: Warum eigentlich? Das bleibt ihr ebenso wie dem Leser des Buches natürlich unklar. Genauso wie es natürlich unklar bleibt, was die breit ausgewalzte Bartforscherei, anfänglich ebenso lächerlich geschildert, dann aber immer mal wieder zu kulturphilosophischen Betrachtungen ausexerziert Zum Thema des japanischen Bartes kursierten mehrere Theorien in diesem Roman macht. Würde es einen Unterschied bedeuten, wenn Gilbert Wurstfachverkäufer wäre oder Schraubendesigner? Anlass für Lächerlichkeit und kulturgeschichtliche Essays gäbe es auch dort zuhauf. Und geheime poetische Verbindungen zu Kiefern auf japanischen Inseln lassen sich von dort bestimmt auch ziehen.

Vieles in diesem Roman ist weniger poetisch als vielmehr beliebig, die Motive sind wenig bis überhaupt nicht miteinander verknüpft und manches wird einfach so geschildert, ohne dass man wüsste, von wem oder was das im Text macht. Noch heute präsentierte sich der römische Papst unter allen Umständen glattrasiert, während der russisch-orthodoxe Patriarch als Zeichen seiner Würde selbstverständlich den göttlichen Vollbart trug. Aufregend. Zufällig begegnen sich Gilbert und der suizidale Student Yosa Tamagotchi, der einen völlig zusammenhanglosen, sinnbefreit lächerlichen Namen hat und mit seinem Selbstmordhandbuch mehrfach scheitert Der Junge […] war wirklich zu nichts zu gebrauchen, er war ein totaler Versager. bis er irgendwann genauso zufällig wieder aus dem Roman verschwindet. Deren Beziehung zueinander bleibt unverständlich, denn Gilbert tritt als Dozent auf, dem jungen Studenten das richtige Sterben zu weisen, und Yosa lässt sich vom aufdringlichen Deutschen bereitwillig leiten, warum auch immer. Die Motivation Gilberts, mit dem zufällig gefundenen Basho-Buch durch Japan zu reisen, bleibt fragwürdig, ebenso die vielen Haikus, die Gilbert vor sich hin dichtet und bespricht wie in einem Volkshochschulkurs – nichts an diesem ganzen Geschehen ist irgendwie motiviert. Und in dieser scherzhaften Beliebigkeit, mit der Gilbert und Yosa durch Japan auf der Suche nach dem perfekten Suizidort fahren Der Selbstmörderwald Aokigahara hat sich als Flop erwiesen! mit der aber auch immer wieder essayistische Textpassagen zu allem Möglichen im Text stehen, auch mal eine Passage mit nur 65 Baumnamen, verharrt der ganze Roman.

Doch immer wieder wird die Kiefer raunend aufgerufen 25.000 Anrufe, 25.000 Kiefernnadeln, schimmernd im Mondlicht. und mehr als dass es Gilbert außerordentlich gefiel braucht es wohl nicht begründet werden. Bzw vielleicht noch, dass es in Japan und damit für den Text Begründung genug sei: Undenkbar in Deutschland, daß man sich irgendwohin auf den Weg machte wegen eines Baums! Das ist nicht ernst gemeint, bitte nicht.

Vielleicht aber doch. Wahrscheinlich ist genau das eben die Poesie, für die Poschmann so gerühmt wird, auch für ihre Lyrikbände und früheren Romane. Eine Naturmystik, die sich nicht erschließen muss, und vielleicht soll jede Rationalität per se lächerlich erscheinen, denn es gilt der Mond, die Kiefern und die Laubfärbung, mit der der Roman endet. In diesem Sinne wäre Die Kieferninseln ein zutiefst antiintellektueller Roman, der mit Naturschilderung bzw -anrufung alles Notwendige dargestellt hat:

Die Schau der Naturerscheinung war weder mit Kunst noch mit Architektur, noch mit Geschichte verbunden, sie war zart und geheimnisvoll, und wenn daraus doch eine Form von Bildung erwuchs, ließ sie sich hinterher weder erklären noch abrufen.

Der Rest ist also raunende Poesie bzw groteske Zweige im geheimnisträgerischen Mondschein. Man könnte auch sagen: Quark. Wenn man auf die Frage nach dem fabula docet also antworten muss, dass man es eigentlich nicht erklären könne, halte ich dies für kein Auszeichen guter literarischer Texte, ganz und gar nicht.

Marion Poschmann: Die Kieferninseln. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 168 Seiten, 20 €.

zu fest gebunden

Isabelle Lehn Binde zwei Vögel zusammen

Dichtung und Wahrheit sind bekanntermaßen ein eigentümliches Gespann, das sich umflattert und liebkost ebenso wie sich rauft und zankt, aber nie können beide voneinander lassen. Man sollte sie dennoch besser nicht vermischen. In Zeiten höchst kunstvoller medialer Inszenierungen, aggressiver Propaganda, Verhöhnung kritischen, dokumentierenden und faktenbasierten Journalismus, Bildermanipulationen, Realitätssimulationen, zunehmender Irrgläubigkeit und wild blühender Verschwörungstheorien sind Dichtung und Wahrheit allerdings kaum mehr zu unterscheiden. Dies könnte die Basis für einen komplexen, irritierenden, im pynchonschen Sinn erkenntnistheoretischen Roman darstellen, der sich mit eben diesen medialen Irrungen, Wirrungen und Dekonstruktionen beschäftigt. Zumal, wenn es um Kriege geht, um deren mediale Darstellung als Deutungsansatz und Wertungshoheit erbittert gekämpft wird.

Binde zwei Vögel zusammen von Isabelle Lehn könnte so ein Roman sein. Es geht um den Afghanistankrieg, um Bildertheorie, um Journalismus, eine zutiefst irritierte Hauptfigur, die sich in Dichtung und Wahrheit, Simulation und Realität, verfangen hat. Der junge Journalist Albert hat in einem bayrischen Trainingscamp von Bundeswehrsoldaten, die für ihren Afghanistaneinsatz vorbereitet werden sollen, für sechs Wochen einen Statisten gemimt, den Afghanen „Aladdin“, der ein Café betreibt und Teil eines künstlichen Dorfes ist, in dem alle für die Soldaten relevanten Situationen durchgespielt werden sollen. Albert wollte darüber eine Reportage schreiben, doch das Camp hat ihn derart verstört, dass er aus der Figur „Aladdin“ nicht mehr in sein vorheriges Leben zurückfindet und das ihm Stück für Stück entgleitet. Ein aktuelles Thema, von einer jungen Autorin verfasst, die in relevanten Literaturzeitschriften publiziert hat (z.B. Edit, Am Erker, Sinn und Form, ndl) und sich wissenschaftlich mit den Themen Propagandaforschung, Massenkommunikation und Medienwirkungen beschäftigt hat, das sollte doch ein gutes Stück Literatur sein. Allein – der Roman hält davon wenig.

Dass der Roman steif wirkt und inhaltlich wenig überzeugt, liegt zum einen am äußerst dünnen Plot: Mehr als Erinnerungen an die Zeit im Camp und ein paar Erlebnisse danach, aus der schizophrenen Sicht des Protagonisten erzählt, sind es nämlich nicht. Die Hauptfigur Albert-Aladdin ist gespalten, spricht von sich selbst als von zwei Personen und verhält sich extrem distanziert, beobachtend zu sich selbst. Diese Schizophrenie ist als psychologischer Konflikt angelegt, kommt aber oft nicht weiter als zum sehr vordergründigen Namens- und Biografietausch und entwickelt sich während der Handlung nicht mehr. Das Geschehen bezieht sich nur auf diese Spiegelung Albert-Aladdin bzw im Camp-draußen. Emotionslos schildert Albert-Aladdin Beobachtungen im Camp, den Auszug seiner Freundin aus der gemeinsamen Wohnung, seine vollständige Vereinsamung, als sei das letztlich ohne Belang, unberührt, unterkühlt, unwesentlich. Diese Leere streckt sich auf knapp 200 Seiten eines Buches, das schon seine Gattung erdichtet – es schlicht kein Roman, sondern eine überdehnte Erzählung, die ohne seitenlange Zitate, medienkritischen Überbau und deutlich gekürzt sicherlich reizvoll zu lesen sein könnte.

Doch eigentlich ist es nicht einmal das, denn der Text macht noch unter der Widmung klar: Er möchte gar keine Literatur sein. Diese Geschichte ist wahr. Das ist eine Drohung, eine Drohung für den Leser („Du musst mir alles glauben!“) und für die Literatur: Warum, wenn die Geschichte doch wahr ist, in Form einer Fiktion? Ist das extra-clevere, mega-subtile Medienkritik? Dafür bräuchte es diesen didaktischen Vorsatz, dieses literarische Korsett nicht. Ob es wahr ist oder nicht, kann der Literatur völlig egal sein. Und was die Leser mit dem Text anfangen, bleibt eh ihnen überlassen, ob sie nun von der Realität bedroht werden oder nicht. Und ob die schizophrene Störung von Albert-Aladdin wahr ist oder nur erdichtet, plausibel jedenfalls ist sie nicht. Doch um die Wahrheit der Geschichte noch viel wahrer und unausweichlich real erscheinen zu lassen, prangt ganz am Ende des Buches auch ein Quellenverzeichnis, in dem medientheoretische Schriften, Romane und Zeitungstexte friedlich nebeneinander stehen. Ein Roman mit Handapparat? Warum nicht auch noch Fußnoten? Oder ist der Roman sowieso als Doktorarbeit verfasst?

Um ihrem Text auch wirklich jede Luft abzuschnüren, erklärt Lehn noch ihren – eigentlich sehr poetischen – Titel im Roman. Nichts bleibt dem Zufall bzw der Imagination des Lesers überlassen, denn die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Und plötzlich geht jede Poesie, die im vorangestellten Rumi-Zitat noch aufgerufen wird und ein wenig nach West-östlichem Diwan duftet, verloren: die schizophrene Hauptfigur ist wie zwei zusammengebundene Vögel, die nun trotz ihrer vier Flügel nicht mehr fliegen können. Wow. Was genau ist nun eigentlich der poetische Mehrwert, den die wahre Geschichte durch ihre schematische Psychologisierung erfahren hat? Die Reflexionen über Bildertheorien, Simulationen und Krieg wirken in diesem grotesken Setting bemüht und streberhaft und sowieso wie die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Recherche statt besonders narrativ.

Vermutlich sollte das so nicht gezeigt werden, aber als Ergebnis lässt sich lesen: die Vögel Dichtung und Wahrheit bzw Fiktion und Doktorarbeit, so eng zusammengebunden wie in Lehns Roman, lässt in der Tat beide abstürzen.

Isabelle Lehn: Binde zwei Vögel zusammen. Eichborn Verlag, Köln 2016, 192 Seiten, 18 €.

17.03.2016

habe mir neulich das vielbesprochene, oft gelobte buch „wir kommen“ der vielbesprochenen, oft kritisierten autorin ronja von rönne als ebook besorgt. dann habe ich angefangen zu lesen und dann habe ich wieder aufgehört. und jetzt zucke ich mit den schultern: naja, buch halt. eins, das ziemlich hoch einsteigt mit dem aktiven verdrängen des todes einer freundin, dazu depression und angst und therapie der erzählenden hauptfigur – und dann kippt es schon in gescheiterte liebesgeschichten und die wenig versteckte sehnsucht nach einer einfachen welt. draußen ist so viel. drinnen auch, aber übersichtlicher, und wenn das auch zu viel wird, kann man das wlan ja ausstellen. mag sein, dass das alles ganz gut komponiert ist, weil tagebuchaufzeichnungen im rahmen der therapie. mag sein, dass dies dann die abwesenheit einer geschichte clever, vielleicht sogar unterhaltsam auffängt und sowieso von der jugend heute erzählt, oder so. aber mich hat das völlig gleichgültig gelassen beim lesen. es hat mich einfach genau gar nicht interessiert, dieses angebliche leben der heutigen jugend, die ja im buch vor allem eine obere mittelklasse-jugend ist, die namen wie jonas, karl, leonie und maja trägt und nicht besonders viel erlebt hat und daher notwendigerweise auch nicht besonders viel zu berichten hat und sich dann davon therapieren lassen muss – sorry, aber in ziemlich existenziellen tagen, wochen, monaten und jahren wie diesen einen ziemlich leeren roman mit ziemlich vielen wenig unterhaltsamen sätzen, dessen besonderes merkmal die (jetzt auch nicht besonders originelle) konstruktion ist und hauptsächlich deshalb so viel aufmerksamkeit bekommt, weil da vor über einem jahr ein reaktionärer text die junge autorin bis nach klagenfurt gespült hat – ach nee, keine lust.

Claire Keegan – Das dritte Licht

Eine ganz großartige Erzählung ist das, eine long short story, wie es die Autorin selbst nennt. Eine einfache, vorsichtige doch klare Sprache, in der man ganz unerwartet zu Hause ist wie das Mädchen bei ihrer Gastfamilie. Irgendwann in den 1980er Jahren im ländlichen Irland setzt der Vater die Tochter bei Verwandten ab, sie solle dort bleiben so lang wie nötig; die Mutter ist erneut schwanger (das sechste Kind), der Vater ist Kesselflicker, wortkarg und rau im Umgang. Bei den kinderlosen Verwandten John und Edna Kinsella erfährt das Mädchen Zuneigung und liebevolle Aufmerksamkeit. Anfänglich noch von den beiden Erwachsenen behandelt wie von anderen auch – „Das verstehst du noch nicht“ – wird sie immer mehr aufgenommen in den Alltag der Kinsellas, ob beim Kartenspiel oder bei einer Totenwache, das Mädchen gehört ganz selbstverständlich dazu. Bis sie wieder nach Hause muss.
Die Leichtigkeit, Intensität und Vielschichtigkeit, mit der diese Geschichte erzählt wird, ist beeindruckend. Sowohl sprachlich, als auch kompositorisch. So die Schilderung einer Totenwache, bei der sie sich an den Gastvater lehnt, ein Moment größter Vertrautheit, eingerahmt ist dies von der zweifachen Begegnung mit einer umher irrenden Färse, also einer jungen, erstmals schwangeren Kuh – eine Metapher für die Ortlosigkeit des Mädchens. Auch ihre Gasteltern erleben die Zeit mit dem jungen Ding als außergewöhnlich, insbesondere der Vater verarbeitet mit dem Mädchen den Verlust des Sohnes. Es ist eine sehr intensive, wundervolle Erzählung.
Die 1968 geborene Claire Keegan hat für die 2010 unter dem Titel Foster erschienene Erzählung den Davy Byrnes Irish Writing Award erhalten, zuvor für die beiden Bände Antarctica und Walk the blue fields eine Reihe anderer Auszeichnungen, darunter den Rooney Prize for Irish Literature, einem renommierten Nachwuchsförderpreis.
Die Erzählung Das dritte Licht ist in der Übersetzung von Hans-Christian Oeser zuerst im Steidl-Verlag, jetzt als Taschenbuch im Unionsverlag Zürich erschienen.