zu fest gebunden

Isabelle Lehn Binde zwei Vögel zusammen

Dichtung und Wahrheit sind bekanntermaßen ein eigentümliches Gespann, das sich umflattert und liebkost ebenso wie sich rauft und zankt, aber nie können beide voneinander lassen. Man sollte sie dennoch besser nicht vermischen. In Zeiten höchst kunstvoller medialer Inszenierungen, aggressiver Propaganda, Verhöhnung kritischen, dokumentierenden und faktenbasierten Journalismus, Bildermanipulationen, Realitätssimulationen, zunehmender Irrgläubigkeit und wild blühender Verschwörungstheorien sind Dichtung und Wahrheit allerdings kaum mehr zu unterscheiden. Dies könnte die Basis für einen komplexen, irritierenden, im pynchonschen Sinn erkenntnistheoretischen Roman darstellen, der sich mit eben diesen medialen Irrungen, Wirrungen und Dekonstruktionen beschäftigt. Zumal, wenn es um Kriege geht, um deren mediale Darstellung als Deutungsansatz und Wertungshoheit erbittert gekämpft wird.

Binde zwei Vögel zusammen von Isabelle Lehn könnte so ein Roman sein. Es geht um den Afghanistankrieg, um Bildertheorie, um Journalismus, eine zutiefst irritierte Hauptfigur, die sich in Dichtung und Wahrheit, Simulation und Realität, verfangen hat. Der junge Journalist Albert hat in einem bayrischen Trainingscamp von Bundeswehrsoldaten, die für ihren Afghanistaneinsatz vorbereitet werden sollen, für sechs Wochen einen Statisten gemimt, den Afghanen „Aladdin“, der ein Café betreibt und Teil eines künstlichen Dorfes ist, in dem alle für die Soldaten relevanten Situationen durchgespielt werden sollen. Albert wollte darüber eine Reportage schreiben, doch das Camp hat ihn derart verstört, dass er aus der Figur „Aladdin“ nicht mehr in sein vorheriges Leben zurückfindet und das ihm Stück für Stück entgleitet. Ein aktuelles Thema, von einer jungen Autorin verfasst, die in relevanten Literaturzeitschriften publiziert hat (z.B. Edit, Am Erker, Sinn und Form, ndl) und sich wissenschaftlich mit den Themen Propagandaforschung, Massenkommunikation und Medienwirkungen beschäftigt hat, das sollte doch ein gutes Stück Literatur sein. Allein – der Roman hält davon wenig.

Dass der Roman steif wirkt und inhaltlich wenig überzeugt, liegt zum einen am äußerst dünnen Plot: Mehr als Erinnerungen an die Zeit im Camp und ein paar Erlebnisse danach, aus der schizophrenen Sicht des Protagonisten erzählt, sind es nämlich nicht. Die Hauptfigur Albert-Aladdin ist gespalten, spricht von sich selbst als von zwei Personen und verhält sich extrem distanziert, beobachtend zu sich selbst. Diese Schizophrenie ist als psychologischer Konflikt angelegt, kommt aber oft nicht weiter als zum sehr vordergründigen Namens- und Biografietausch und entwickelt sich während der Handlung nicht mehr. Das Geschehen bezieht sich nur auf diese Spiegelung Albert-Aladdin bzw im Camp-draußen. Emotionslos schildert Albert-Aladdin Beobachtungen im Camp, den Auszug seiner Freundin aus der gemeinsamen Wohnung, seine vollständige Vereinsamung, als sei das letztlich ohne Belang, unberührt, unterkühlt, unwesentlich. Diese Leere streckt sich auf knapp 200 Seiten eines Buches, das schon seine Gattung erdichtet – es schlicht kein Roman, sondern eine überdehnte Erzählung, die ohne seitenlange Zitate, medienkritischen Überbau und deutlich gekürzt sicherlich reizvoll zu lesen sein könnte.

Doch eigentlich ist es nicht einmal das, denn der Text macht noch unter der Widmung klar: Er möchte gar keine Literatur sein. Diese Geschichte ist wahr. Das ist eine Drohung, eine Drohung für den Leser („Du musst mir alles glauben!“) und für die Literatur: Warum, wenn die Geschichte doch wahr ist, in Form einer Fiktion? Ist das extra-clevere, mega-subtile Medienkritik? Dafür bräuchte es diesen didaktischen Vorsatz, dieses literarische Korsett nicht. Ob es wahr ist oder nicht, kann der Literatur völlig egal sein. Und was die Leser mit dem Text anfangen, bleibt eh ihnen überlassen, ob sie nun von der Realität bedroht werden oder nicht. Und ob die schizophrene Störung von Albert-Aladdin wahr ist oder nur erdichtet, plausibel jedenfalls ist sie nicht. Doch um die Wahrheit der Geschichte noch viel wahrer und unausweichlich real erscheinen zu lassen, prangt ganz am Ende des Buches auch ein Quellenverzeichnis, in dem medientheoretische Schriften, Romane und Zeitungstexte friedlich nebeneinander stehen. Ein Roman mit Handapparat? Warum nicht auch noch Fußnoten? Oder ist der Roman sowieso als Doktorarbeit verfasst?

Um ihrem Text auch wirklich jede Luft abzuschnüren, erklärt Lehn noch ihren – eigentlich sehr poetischen – Titel im Roman. Nichts bleibt dem Zufall bzw der Imagination des Lesers überlassen, denn die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Und plötzlich geht jede Poesie, die im vorangestellten Rumi-Zitat noch aufgerufen wird und ein wenig nach West-östlichem Diwan duftet, verloren: die schizophrene Hauptfigur ist wie zwei zusammengebundene Vögel, die nun trotz ihrer vier Flügel nicht mehr fliegen können. Wow. Was genau ist nun eigentlich der poetische Mehrwert, den die wahre Geschichte durch ihre schematische Psychologisierung erfahren hat? Die Reflexionen über Bildertheorien, Simulationen und Krieg wirken in diesem grotesken Setting bemüht und streberhaft und sowieso wie die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Recherche statt besonders narrativ.

Vermutlich sollte das so nicht gezeigt werden, aber als Ergebnis lässt sich lesen: die Vögel Dichtung und Wahrheit bzw Fiktion und Doktorarbeit, so eng zusammengebunden wie in Lehns Roman, lässt in der Tat beide abstürzen.

Isabelle Lehn: Binde zwei Vögel zusammen. Eichborn Verlag, Köln 2016, 192 Seiten, 18 €.

22.07.2014

der absturz des fluges mh17 in der ostukraine und die nachfolgenden ereignisse sind die tragischsten und verstörendsten ereignisse in europa seit jahrzehnten. tragisch, denn es sind 298 menschen gestorben, die mit dem konflikt absolut nichts zu tun hatten: ihre tode sind vollkommen absurd. und verstörend, weil sich der krieg in der ostukraine durch den abschuss des passagierflugzeuges vollständig entgrenzt hat: eine wahnsinnige tat, die offenbar auf grausamer verwechslung beruht, führt zu zerwürfnissen, statt zu trost. es ist ein camus’scher akt: die sinngebung des absurden, hinter der alles andere verschwindet: gaza-israel, antisemitische auswüchse in europa, syrien, nigeria, insgesamt 50millionen flüchtlinge weltweit – nichts davon ist gelöst, wird versucht zu lösen. statt dessen streitet man um die deutungshoheit über die toten: denn das absurde hat nur insofern sinn, als dass man sich nicht mit ihm abfindet. und mit diesen 298 toten kann man sich natürlich nicht abfinden, es muss gründe, vor allem hintergründe geben, mit dem die katastrophe erklärbar, verstehbar, deutbar, nutzbar wird.

seit beginn der ukraine-krise, also seit den maidan-protesten, die zu einem blutigen umsturz führten, hat sich in der deutschen öffentlichkeit eine haltung entwickelt, die den bekannten hiesigen medien kritisch-ablehnend gegenübersteht. wofür die medien selbst einen gewissen teil mit beigetragen haben. doch scheint mir dieser teil inzwischen relativ gering, nach der kritik der berichterstattung im ukraine-konflikt durch die ehemalige ard-russland-korrespondentin krone-schmalz ist die berichterstattung sachlicher. doch die vehemente kritik in den sozialen internetmedien ist geblieben. jedoch scheint mir, dass diese sich nicht so sehr an die arbeit der journalisten selbst richtet, sondern an die in den meldungen transportierte haltung westlicher politiker: signifikant für vollkommen unglaubwürdige politik ist john kerrys reaktion auf den anschluss der krim an russland. und mit ihm verliert die deutsche politik eben auch ihre glaubwürdigkeit, wenn sie sich aus nato-bündnis- und wirtschaftlichen gründen oft genug auf die seite der amerikanischen politik stellt oder diese nur sehr zögerlich kritisiert, wenn es angebracht scheint, etwa im gesamten nsa-snowden-komplex. dieses missverhältnis im umgang mit den ehemaligen polen des kalten krieges ist evident und erklärbar – ebenso wie auch die im europäischen kontext zögerliche deutsche haltung zu sanktionsverschärfungen gegen russland auf verträgen und wirtschaftlichen abhängigkeiten beruht. doch für diese schieflage werden die medien bzw die klassischen, bekannten, überregionalen medien, die die meinungen der eigenen politiker oder kontroverse diskussionen über die grenzen hinweg abbilden, verantwortlich gemacht. für die gegenthesen der kritiker wird hingegen oft auf unabhängige blogs oder andere, deutlich weniger etablierte quellen verwiesen. und oft genug mit einem ebenso klaren gut-böse-schema, wie es den medien selbst vorgeworfen wird. ein beispiel unter hunderten, dieses von der taz-webseite:

Es wird immer klarer. Die ukrainische Luftwaffe benutzte die zivilen Flieger im Kampfgebiet als Deckung für militärische Luftfahrt, benutzte mithin die Passagiere als menschliche Schutzschilde. Und obendrein könnte es sein, dass das ukrainische Regime die zivilen Flugzeuge absichtlich über die Region fliegen ließ, um bei Gelegenheit mal eines davon abzuschießen und es Russland und der LVR/DVR in die Schuhe zu schieben.

(User PID, 22.07.2014, 12:52Uhr)

auffällig daran: es wirkt wie ein reflex, übermäßige kritik an der russischen politik in deutschen medien damit zu beantworten, indem ziemlich vorbehaltlos die russische sichtweise verteidigt wird. als sei die kritik an dieser nicht ebenso notwendig und berechtigt. sowohl außenpolitisch, da putin stets die territoriale integrität auch der ukraine verteidigt hat – was ihn jedoch nicht hinderte, mit enormer geschwindigkeit die krim an russland anzugliedern. ein klarer bruch der eigenen aussagen. und was sehr gern übersehen wird: innenpolitisch hat sich seit den wahlen 2011 einiges geändert. nur ein beispiel: während es uns in irkutsk bis 2011 problemlos möglich war, eine zweisprachige zeitung in irkutsk zu publizieren, bekam die russische mitherausgeberin ab 2012 regelmäßigen besuch des fsb und der klaren ansage, sämtliche russischsprachigen artikel vorab durchsehen zu lassen. ebenso wurde zugriff auf die kommunikation und die im internet zwischengespeicherten dateien verlangt. das war 2012. inzwischen sind 2 jahre vergangen, ein gesetz gegen fluchen in der öffentlichkeit (inkl. tv, film, zeitung etc) wurde erlassen, die möglichkeit über homosexualität aufzuklären unmöglich gemacht, teilnehmer an demonstrationen gegen putins politik verhaftet und verurteilt, die arbeit von ngos deutlich erschwert (agenten-gesetz), ein gesetz zur sperrung von internetseiten verabschiedet (wobei die formulierung sehr offen gehalten ist, was allerhand möglichkeiten im gebrauch lässt und typisch für restriktive gesetze ist) und seit neuestem die werbung für bezahlfernsehen verboten (was sich gegen unabhängige fernsehsender wie etwa „dozhd“ richtet). dinge, die leider keine anzeichen für eine offene, plurale gesellschaft und medienlandschaft in russland sind und in der deutschen öffentlichkeit gern übersehen werden, wenn das misstrauen gegenüber den eigenen medien zu groß wird. oder das unbehagen an der aussicht, dass es hier vielleicht nicht gut ist, doch andernorts eben auch nicht so schlecht sein kann, wie es dargestellt wird. oder an der perspektive, dass sich die ursachen und täter wohl nie zweifelsfrei ermitteln lassen werden. weil die verstörenden, absurden ereignisse zu sehr nach sinngebung verlangen: das absurde kann nur mit religiosität gelöscht werden.