Zufall, Beliebigkeit, Poesie und Unverständnis

Marion Poschmann Die Kieferninseln

Es ist ein Auszeichen guter literarischer Texte, dass sie in ihren Lesarten tendenziell unabschließbar sind und sich vielen, auch vollkommen konträren Perspektiven öffnen. In diesem Sinn kann Marion Poschmanns „Die Kieferninseln“ als guter literarischer Text verstanden werden, da das Buch sowohl auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht und sowohl hoch gelobt als auch stark kritisiert wird. Eigenartigerweise verdankt sich diese Offenheit aber in erster Linie einer Leere und einem fehlenden Kern des Textes, denn er zerfällt in viele kleine Teile, deren innerer Zusammenhang sich oft nicht erschließt. Anders gesagt: Ich weiß nicht, worum es überhaupt im Text geht, was sein Thema ist, was eigentlich erzählt wird. Selbstsuche? Wohl kaum, dafür ist die Hauptfigur zu dürftig und besitzt keinerlei Fallhöhe oder Tiefe. Culturclash in Japan? Nach Lost in Translation schon eher banal. Irgendwas mit Gedichten? Vermutlich.

Ein Begriff taucht in den Besprechungen zu den „Kieferninseln“ immer auf: Poesie. Oder wie es in der Jurybegründung zur Shortlist heißt: Mit der Intensität eines Haikus [wird] jedes augenscheinlich noch so unbedeutende Detail […] Poesie. Was auch immer das bedeuten mag, wenn etwas in einem Roman zu Poesie wird. Das Wort scheint in den Rezensionen und Beschreibungen des Romans die signifikante Leerstelle füllen zu müssen: irgendetwas Unaussprechliches, vielleicht sogar Unbegreifliches – ein ehrfurchtsvolles Raunen. denn es gibt halt Dinge zwischen Himmel und Erde, nach denen der menschliche Verstand auf immer vergeblich greifen wird, schreibt Katharina Granzin gleich zu Beginn ihrer Buchbesprechung in der taz. Und eigentlich schiebt sie mit dieser müden Formel nur ihr Unverständnis am Text beiseite:

Was haben Bärte mit Bäumen gemeinsam? Besteht eine geheime poetische Verbindung zwischen dem Haarwuchs am männlichen Kinn und dessen Form und Pflege sowie dem Wesen und Gedeihen der japanischen Schwarzkiefer? Das ist eine große Frage, deren Beantwortung letztlich offen geblieben ist, wenn man Marion Poschmanns „Kieferninseln“ nach vollendeter Lektüre zugeklappt hat.

Denn genau diesen faden Eindruck hinterlässt das Buch: irgendwas raunt da poetisch geheimnisvoll, aber nichts Genaues weiß man nicht und eigentlich ist alles völlig unklar, wenn nicht sogar ziemlich beliebig, fast lächerlich. So wie die Motivation der albern benannten Hauptfigur Gilbert Silvester, das Weite zu suchen und damit den Text in Gang zu setzen: Ein schlechter Traum, den er so hysterisch daß (sic!) ihm beim erregten Sprechen etwas Speichel aus dem Mund gesprüht war und also von Anfang an als lächerliche Figur gezeichnet gegen seine Frau Mathilda verteidigt. Die Frau, von Gilbert als Wesen irrationaler weiblicher Strategie disqualifiziert, die nicht weiß, wie ihr geschieht, und die er doch immer wieder als Adressat seiner Reisebetrachtungen aufruft – sie ist Zuschauerin in weiter Ferne: Was tut der Mann da, was soll das? Und: Warum eigentlich? Das bleibt ihr ebenso wie dem Leser des Buches natürlich unklar. Genauso wie es natürlich unklar bleibt, was die breit ausgewalzte Bartforscherei, anfänglich ebenso lächerlich geschildert, dann aber immer mal wieder zu kulturphilosophischen Betrachtungen ausexerziert Zum Thema des japanischen Bartes kursierten mehrere Theorien in diesem Roman macht. Würde es einen Unterschied bedeuten, wenn Gilbert Wurstfachverkäufer wäre oder Schraubendesigner? Anlass für Lächerlichkeit und kulturgeschichtliche Essays gäbe es auch dort zuhauf. Und geheime poetische Verbindungen zu Kiefern auf japanischen Inseln lassen sich von dort bestimmt auch ziehen.

Vieles in diesem Roman ist weniger poetisch als vielmehr beliebig, die Motive sind wenig bis überhaupt nicht miteinander verknüpft und manches wird einfach so geschildert, ohne dass man wüsste, von wem oder was das im Text macht. Noch heute präsentierte sich der römische Papst unter allen Umständen glattrasiert, während der russisch-orthodoxe Patriarch als Zeichen seiner Würde selbstverständlich den göttlichen Vollbart trug. Aufregend. Zufällig begegnen sich Gilbert und der suizidale Student Yosa Tamagotchi, der einen völlig zusammenhanglosen, sinnbefreit lächerlichen Namen hat und mit seinem Selbstmordhandbuch mehrfach scheitert Der Junge […] war wirklich zu nichts zu gebrauchen, er war ein totaler Versager. bis er irgendwann genauso zufällig wieder aus dem Roman verschwindet. Deren Beziehung zueinander bleibt unverständlich, denn Gilbert tritt als Dozent auf, dem jungen Studenten das richtige Sterben zu weisen, und Yosa lässt sich vom aufdringlichen Deutschen bereitwillig leiten, warum auch immer. Die Motivation Gilberts, mit dem zufällig gefundenen Basho-Buch durch Japan zu reisen, bleibt fragwürdig, ebenso die vielen Haikus, die Gilbert vor sich hin dichtet und bespricht wie in einem Volkshochschulkurs – nichts an diesem ganzen Geschehen ist irgendwie motiviert. Und in dieser scherzhaften Beliebigkeit, mit der Gilbert und Yosa durch Japan auf der Suche nach dem perfekten Suizidort fahren Der Selbstmörderwald Aokigahara hat sich als Flop erwiesen! mit der aber auch immer wieder essayistische Textpassagen zu allem Möglichen im Text stehen, auch mal eine Passage mit nur 65 Baumnamen, verharrt der ganze Roman.

Doch immer wieder wird die Kiefer raunend aufgerufen 25.000 Anrufe, 25.000 Kiefernnadeln, schimmernd im Mondlicht. und mehr als dass es Gilbert außerordentlich gefiel braucht es wohl nicht begründet werden. Bzw vielleicht noch, dass es in Japan und damit für den Text Begründung genug sei: Undenkbar in Deutschland, daß man sich irgendwohin auf den Weg machte wegen eines Baums! Das ist nicht ernst gemeint, bitte nicht.

Vielleicht aber doch. Wahrscheinlich ist genau das eben die Poesie, für die Poschmann so gerühmt wird, auch für ihre Lyrikbände und früheren Romane. Eine Naturmystik, die sich nicht erschließen muss, und vielleicht soll jede Rationalität per se lächerlich erscheinen, denn es gilt der Mond, die Kiefern und die Laubfärbung, mit der der Roman endet. In diesem Sinne wäre Die Kieferninseln ein zutiefst antiintellektueller Roman, der mit Naturschilderung bzw -anrufung alles Notwendige dargestellt hat:

Die Schau der Naturerscheinung war weder mit Kunst noch mit Architektur, noch mit Geschichte verbunden, sie war zart und geheimnisvoll, und wenn daraus doch eine Form von Bildung erwuchs, ließ sie sich hinterher weder erklären noch abrufen.

Der Rest ist also raunende Poesie bzw groteske Zweige im geheimnisträgerischen Mondschein. Man könnte auch sagen: Quark. Wenn man auf die Frage nach dem fabula docet also antworten muss, dass man es eigentlich nicht erklären könne, halte ich dies für kein Auszeichen guter literarischer Texte, ganz und gar nicht.

Marion Poschmann: Die Kieferninseln. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 168 Seiten, 20 €.

zu fest gebunden

Isabelle Lehn Binde zwei Vögel zusammen

Dichtung und Wahrheit sind bekanntermaßen ein eigentümliches Gespann, das sich umflattert und liebkost ebenso wie sich rauft und zankt, aber nie können beide voneinander lassen. Man sollte sie dennoch besser nicht vermischen. In Zeiten höchst kunstvoller medialer Inszenierungen, aggressiver Propaganda, Verhöhnung kritischen, dokumentierenden und faktenbasierten Journalismus, Bildermanipulationen, Realitätssimulationen, zunehmender Irrgläubigkeit und wild blühender Verschwörungstheorien sind Dichtung und Wahrheit allerdings kaum mehr zu unterscheiden. Dies könnte die Basis für einen komplexen, irritierenden, im pynchonschen Sinn erkenntnistheoretischen Roman darstellen, der sich mit eben diesen medialen Irrungen, Wirrungen und Dekonstruktionen beschäftigt. Zumal, wenn es um Kriege geht, um deren mediale Darstellung als Deutungsansatz und Wertungshoheit erbittert gekämpft wird.

Binde zwei Vögel zusammen von Isabelle Lehn könnte so ein Roman sein. Es geht um den Afghanistankrieg, um Bildertheorie, um Journalismus, eine zutiefst irritierte Hauptfigur, die sich in Dichtung und Wahrheit, Simulation und Realität, verfangen hat. Der junge Journalist Albert hat in einem bayrischen Trainingscamp von Bundeswehrsoldaten, die für ihren Afghanistaneinsatz vorbereitet werden sollen, für sechs Wochen einen Statisten gemimt, den Afghanen „Aladdin“, der ein Café betreibt und Teil eines künstlichen Dorfes ist, in dem alle für die Soldaten relevanten Situationen durchgespielt werden sollen. Albert wollte darüber eine Reportage schreiben, doch das Camp hat ihn derart verstört, dass er aus der Figur „Aladdin“ nicht mehr in sein vorheriges Leben zurückfindet und das ihm Stück für Stück entgleitet. Ein aktuelles Thema, von einer jungen Autorin verfasst, die in relevanten Literaturzeitschriften publiziert hat (z.B. Edit, Am Erker, Sinn und Form, ndl) und sich wissenschaftlich mit den Themen Propagandaforschung, Massenkommunikation und Medienwirkungen beschäftigt hat, das sollte doch ein gutes Stück Literatur sein. Allein – der Roman hält davon wenig.

Dass der Roman steif wirkt und inhaltlich wenig überzeugt, liegt zum einen am äußerst dünnen Plot: Mehr als Erinnerungen an die Zeit im Camp und ein paar Erlebnisse danach, aus der schizophrenen Sicht des Protagonisten erzählt, sind es nämlich nicht. Die Hauptfigur Albert-Aladdin ist gespalten, spricht von sich selbst als von zwei Personen und verhält sich extrem distanziert, beobachtend zu sich selbst. Diese Schizophrenie ist als psychologischer Konflikt angelegt, kommt aber oft nicht weiter als zum sehr vordergründigen Namens- und Biografietausch und entwickelt sich während der Handlung nicht mehr. Das Geschehen bezieht sich nur auf diese Spiegelung Albert-Aladdin bzw im Camp-draußen. Emotionslos schildert Albert-Aladdin Beobachtungen im Camp, den Auszug seiner Freundin aus der gemeinsamen Wohnung, seine vollständige Vereinsamung, als sei das letztlich ohne Belang, unberührt, unterkühlt, unwesentlich. Diese Leere streckt sich auf knapp 200 Seiten eines Buches, das schon seine Gattung erdichtet – es schlicht kein Roman, sondern eine überdehnte Erzählung, die ohne seitenlange Zitate, medienkritischen Überbau und deutlich gekürzt sicherlich reizvoll zu lesen sein könnte.

Doch eigentlich ist es nicht einmal das, denn der Text macht noch unter der Widmung klar: Er möchte gar keine Literatur sein. Diese Geschichte ist wahr. Das ist eine Drohung, eine Drohung für den Leser („Du musst mir alles glauben!“) und für die Literatur: Warum, wenn die Geschichte doch wahr ist, in Form einer Fiktion? Ist das extra-clevere, mega-subtile Medienkritik? Dafür bräuchte es diesen didaktischen Vorsatz, dieses literarische Korsett nicht. Ob es wahr ist oder nicht, kann der Literatur völlig egal sein. Und was die Leser mit dem Text anfangen, bleibt eh ihnen überlassen, ob sie nun von der Realität bedroht werden oder nicht. Und ob die schizophrene Störung von Albert-Aladdin wahr ist oder nur erdichtet, plausibel jedenfalls ist sie nicht. Doch um die Wahrheit der Geschichte noch viel wahrer und unausweichlich real erscheinen zu lassen, prangt ganz am Ende des Buches auch ein Quellenverzeichnis, in dem medientheoretische Schriften, Romane und Zeitungstexte friedlich nebeneinander stehen. Ein Roman mit Handapparat? Warum nicht auch noch Fußnoten? Oder ist der Roman sowieso als Doktorarbeit verfasst?

Um ihrem Text auch wirklich jede Luft abzuschnüren, erklärt Lehn noch ihren – eigentlich sehr poetischen – Titel im Roman. Nichts bleibt dem Zufall bzw der Imagination des Lesers überlassen, denn die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Und plötzlich geht jede Poesie, die im vorangestellten Rumi-Zitat noch aufgerufen wird und ein wenig nach West-östlichem Diwan duftet, verloren: die schizophrene Hauptfigur ist wie zwei zusammengebundene Vögel, die nun trotz ihrer vier Flügel nicht mehr fliegen können. Wow. Was genau ist nun eigentlich der poetische Mehrwert, den die wahre Geschichte durch ihre schematische Psychologisierung erfahren hat? Die Reflexionen über Bildertheorien, Simulationen und Krieg wirken in diesem grotesken Setting bemüht und streberhaft und sowieso wie die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Recherche statt besonders narrativ.

Vermutlich sollte das so nicht gezeigt werden, aber als Ergebnis lässt sich lesen: die Vögel Dichtung und Wahrheit bzw Fiktion und Doktorarbeit, so eng zusammengebunden wie in Lehns Roman, lässt in der Tat beide abstürzen.

Isabelle Lehn: Binde zwei Vögel zusammen. Eichborn Verlag, Köln 2016, 192 Seiten, 18 €.

kurze Notiz zur Literatur in Deutschland

Es scheint wahrlich eine abgedroschene Behauptung, dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur seit Jahren vom Roman dominiert wird. Und doch lässt sich diese offenbar völlig selbstverständliche Fixiertheit auf diese epische Textsorte und ihr metonymer Gebrauch als Literatur regelmäßig beobachten. So dieser Tage wieder beim Internetprojekt „Blogbuster 2017“, einem dieses Jahr erstmals zu vergebenden Preis von Literaturbloggern in Kooperation mit dem Klett-Cotta-Verlag. Es geht darum, „neue unkonventionelle Literatur [zu] entdecken“ bzw. gesucht wird „das literarische Nachwuchstalent“, wie vollmundig auf der Startseite verkündet wird. Der Begriff Literatur wird allerdings in den Teilnahmebedingungen drastisch eingeschränkt, da es in den Anforderungen an die Einsendungen heißt: „Angenommen werden ausschließlich deutschsprachige Prosa (Gegenwartsliteratur), kein [sic!] Genreliteratur, keine Mundart.“ Dieses lapidare Sätzchen ist alles, was der Blogbuster formal und inhaltlich als Kriterien formuliert (sonst ist stets nur von einem „Manuskript“ die Rede): deutschsprachige Gegenwartsprosa. Also im Grunde das, was sowieso überall und immer gesucht wird, also vollkommen unkonventionell. Und sowieso kann ein literarisches Nachwuchstalent nur in Prosa schreiben, gar keine Frage.

Und so grenzt die Bloggerin Mareike Fallwickl auf ihrem Blog „Bücherwurmloch“ noch weit vor Ende der Einsendefrist den Begriff Literatur ganz klar auf eine Textsorte ein – was für sie, die anderen Blogger und die Veranstalter offenbar unausgesprochen immer klar war: Romane und nichts als Romane. Bzw:

Schließlich muss ich einen Kandidaten finden, dessen Roman so feingeschliffen ist, dass er im besten Fall sogar gewinnen kann.

Irgendwer muss ihr gesagt haben, dass es um einen Roman geht, den sie finden soll, diesen einen Diamant, die Verlagsgoldader im dunklen Bergwerk Literatur. Und nach dem Ende der Einsendefrist sortiert sie alles Unpassende aus, auch wenn es noch so gut gewesen wäre. Es ist vermutlich einfach zu konventionell:

Leider musste ich einige Manuskripte aussortieren, weil sie nicht den Kriterien entsprachen (unter anderen auch eine Sammlung mit Erzählungen, die mir wahnsinnig gut gefallen hätte).

Zum Bereich deutschsprachige Gegenwartsprosa zählt nicht einmal eine Sammlung von Erzählungen, sie entsprechen nicht den (unbekannten) Kriterien des Preises. Welchen Wert hat ein solcher Preis, der Literatur nur in Romanform gelten lässt? Welchen Wert haben die vielen großen und kleinen Preise, die sich Literaturpreise nennen und dabei stets Prosa meinen, allen voran die Klagenfurter Tage der deutschsprachigen Literatur? Glaubt jemand ernsthaft, im Wettbewerb um einen Preis, der ursprünglich den Namen einer der wichtigsten Nachkriegsdichterin trug, auch nur je ein einziges Gedicht hören zu können?

Das ist keineswegs unkonventionell, sondern radikal. Und zwar radikal faul, armselig und arrogant.

Und zwar genauso faul, armselig und arrogant wie der großspurig benannte Deutsche Buchpreis, der ebenfalls ein reiner Roman-Preis ist. Dabei könnte man ihn tatsächlich als Buchpreis verstehen, der Bücher prämiert: also nicht nur Autoren und ihre Prosatexte, sondern ein besonders gelungenes, außergewöhnlich gestaltetes oder mit einer bemerkenswerten Entstehungsgeschichte verbundenes Buchwerk. Aber darum geht es ja gar nicht, sondern um ganz vordergründiges Marketing, so wie es Monika Maron kritisierte:

Es geht nicht um Literatur, sondern um die Verkäuflichkeit von Literatur ohne großen Aufwand, vom Stapel weg wie die neueste Single vom neuesten Superstar.

Literatur in ihrer Formenvielfalt und inhaltlichen Eigenartigkeit ist für diese Art von Aufmerksamkeitsbetrieb unerheblich, es scheint vollkommen selbstverständlich zu sein für eine der heterogensten Literaturlandschaften weltweit, Literatur mit dem Roman gleichzusetzen aus rein fiskalischem Interesse. Die deutschsprachige Buchbranche macht seit Jahren den Fehler, sich vor einem Gespenst (unverkäuflich!) zu ducken, das sie selbst geschaffen und genährt hat. Verlage und Literaturagenturen verweigern die Annahme von Erzählungen, da sie sich angeblich nicht verkauften. Lyrik ist ein Liebhaberprodukt enthusiastischer Kleinstverlage. Buchhändler bestätigen, dass die Leute nur Romane verlangen würden. Dramatische Gegenwartsliteratur ist in den Buchhandlungen gar nicht mehr erhältlich, ein völliges Nischenprodukt. Rezensenten winken ab, da sich Erzählbände schlechter rezensieren ließen. Dabei ist das nichts als Eitelkeit und Faulheit eines konservativen, an Literatur desinteressiertem Literaturbetriebes: Bestätigung der Gewohnheiten, Erhalt des Bestehenden. Wer wenn nicht Verlage, Agenturen und das Feuilleton wären in der Lage, die Vielfalt der Formen und Gattungen zu betonen und zu bewerben? Die Bloggerin Fallwickl äußerte sich begeistert über den aussortierten Erzählband, sie erreicht hunderte LeserInnen und potentielle Käufer mit ihren Empfehlungen, ist das zu unbedeutend in der romandurchtränkten Literaturbranche? Alice Munro schrieb nichts als Erzählungen und bekam den Nobelpreis – geschenkt. Wisla Szymborska schrieb fast ausschließlich Lyrik und erhielt den Nobelpreis – na gut. Raymond Carver und wie diesen ganzen Amis da heißen – liest doch eigentlich keiner (höchstens noch Judith Hermann, aber ihr hat man das Romaneschreiben dafür bitte zu verbieten). Karen Köhler – die alles bestätigende Anomalie. Kennt jemand außer Jan Wagner noch lebende deutschsprachige Lyriker? Hat jemand in den letzten Jahren Gegenwartsdramatik gelesen (nein, nicht Harry Potter)? Wer erkennt eine Novelle, wenn er eine sieht? Kann man sich César Aira als erfolgreichen deutschsprachigen Autor vorstellen? Oder einen heutigen Georg Büchner? (Der einzige existierende Wettbewerbspreis mit Geltung, der Prosa und Lyrik gleichberechtigt und gleichzeitig präsentiert, ist der Open Mike. Auf dass er lange lebe.)

Was ich mir vom Blogbuster-Preis erhofft hätte? Die eigenen Ankündigungen und Behauptungen ernst zu nehmen statt nur wieder eitlen Marketing-Sprech abzuliefern. Dass es um Literatur, um Unkonventionelles, um Formenreichtum, um Neugier und Entdeckung gegangen wäre. So aber lässt Klett-Cotta internet- und medienwirksam (Dennis Scheck!) einen Goldjungen oder eine Goldmarie aufspüren, um diese dann ordentlich zu verheizen. Germany’s next Topautor? Belehrt mich eines Besseren.

17.03.2016

habe mir neulich das vielbesprochene, oft gelobte buch „wir kommen“ der vielbesprochenen, oft kritisierten autorin ronja von rönne als ebook besorgt. dann habe ich angefangen zu lesen und dann habe ich wieder aufgehört. und jetzt zucke ich mit den schultern: naja, buch halt. eins, das ziemlich hoch einsteigt mit dem aktiven verdrängen des todes einer freundin, dazu depression und angst und therapie der erzählenden hauptfigur – und dann kippt es schon in gescheiterte liebesgeschichten und die wenig versteckte sehnsucht nach einer einfachen welt. draußen ist so viel. drinnen auch, aber übersichtlicher, und wenn das auch zu viel wird, kann man das wlan ja ausstellen. mag sein, dass das alles ganz gut komponiert ist, weil tagebuchaufzeichnungen im rahmen der therapie. mag sein, dass dies dann die abwesenheit einer geschichte clever, vielleicht sogar unterhaltsam auffängt und sowieso von der jugend heute erzählt, oder so. aber mich hat das völlig gleichgültig gelassen beim lesen. es hat mich einfach genau gar nicht interessiert, dieses angebliche leben der heutigen jugend, die ja im buch vor allem eine obere mittelklasse-jugend ist, die namen wie jonas, karl, leonie und maja trägt und nicht besonders viel erlebt hat und daher notwendigerweise auch nicht besonders viel zu berichten hat und sich dann davon therapieren lassen muss – sorry, aber in ziemlich existenziellen tagen, wochen, monaten und jahren wie diesen einen ziemlich leeren roman mit ziemlich vielen wenig unterhaltsamen sätzen, dessen besonderes merkmal die (jetzt auch nicht besonders originelle) konstruktion ist und hauptsächlich deshalb so viel aufmerksamkeit bekommt, weil da vor über einem jahr ein reaktionärer text die junge autorin bis nach klagenfurt gespült hat – ach nee, keine lust.

06.01.2015

das seltsame ist ja, wenn man sich für die freie zeit etwas vornimmt, kommt ganz sicher von irgendwo ein anruf und man springt für erkrankte kollegen ein. soviel zur lyrik.

es ist auch weiterhin pegida-zeit im lande. aggressiv, kleingeistig und zutiefst rassistisch intervenieren auch 2015 wieder tausende gegen eine komplexe gegenwart in zentraleuropa und definieren den politischen diskurs. wie auf die sächsischen trolle reagieren? im journalistischen bereich scheint sich eine lösung durchzusetzen: abwehr durch ironie. im politischen lager reicht das spektrum von vehementer ablehnung (von links bis zur kanzlerin) zu vehementer hinwendung (afd und regierungskoalitionsmitglied csu) und der suche nach verständnis für rassistische denkmuster. dass dies ein irrweg ist, der (antiislamischen) rassismus als hegemoniale parole weißer europäer stärken und bestätigen wird, weil er im verständnis nachvollziehbar und somit auch legitimiert wird, leuchtet offenbar noch immer nicht allen ein. nur wenige haben sich bislang die mühe gemacht, den sächsischen politischen boden zu untersuchen, auf dem pegida wachsen konnte – um damit ein verständnis zu entwickeln nicht für den in dresden gefeierten bürgerlichen rassismus, sondern für den kontext, der diesen rassismus überhaupt erst ermöglicht und zulässt. ein baustein: die extremismustheorie.

und auf künstlerischer seite? zieht der französische autor michel houellebecq mit seinem neuen romanunterwerfung“ alle aufmerksamkeit auf sich – in frankreich interessanterweise vorrangig im politik-ressort. als antwort auf entwicklungen einer gesellschaft, die ökonomisch und politisch vorrangig auf wettbewerb und konkurrenz ausgerichtet ist statt auf soziale bedürfnisse und gemeinwohl, ist der roman jedoch untauglich. künstlerisch wählt houellebecq den weg des skandals, den er selbst vorbereitet hat: es geht offenbar weniger um analyse des gegenwärtigen (der roman spielt in naher zukunft), sondern um die pure lust am schreckensszenario, angereichert mit allerhand klischees. ein ganz ähnliches setting verfolgte damals der erste große thesenroman „elementarteilchen“, der ein gesellschaftliches versagen konstatierte und der sexuellen revolution von 1968 schuldhaft anlastete. auch hier spielte das voyeuristische am scheitern der figuren und die lust am horror des sexuellen eine zentrale rolle. insofern ist houellebecqs provokationsliteratur autoerotisch und funktioniert wie ein hollywood-film: sie liebt sich ganz selbst und ihre effekte. damit entwickelt houellebecq ein genre weiter, dass man bisher von autoren wie frank schätzing oder dan brown kannte: die blockbuster-literatur.

nun denn, wenns weiter nichts ist.

12.05.2014

jirgl gekauft, auf dem klo jirgl gelesen. nichs von euch auf erden. seit jahr und tag versuche ich mich an jirgl. ein so wunderbar klingender name, tschechisch, jiddisch, und dann die ganzen preise, bis hin zum büchner. der vielleicht wichtigste autor der gegenwart, so stehts im klappentext. lange zeit bin ich zurückgeschreckt vor dem schriftbild. einmal hab ich mich durchgefressen, durch den abschied von den feinden. mutter vater roman, in der ddr-erstausgabe, steht noch immer aus. und ich war begeistert, so sehr, dass es gärte und aus mir orthografisch fragwürdiges abgesondert wurde, auf das ich nicht näher eingehen muss. verdaut war da noch lange nichts. auswärts bin ich kaum in berührung gekommen, inzwischen verspürte ich wieder appetit.

also: nichts von euch, auf erden. ein buch zum fliegentöten, so grimmig, so gewichtig. die ersten zeilen, als auftakt zum utopischen, klingen nach altbekanntem kulturpessimismus und untergangsgedröhn. es raschelt die apokalypse.

u: in diesem Land wuchs, schneller als des Menschen Geist, des Menschen=Gier….. Trieb in andre Länder mit Glaube=Waffen=Geld. […] Kinder Alte auf-Jagd nach Demvergnügen mal mehr mal weniger Spiel Suff Drogen Rausch Kino Musick […] VERZWEIFLUNG….. ?!Was soll weiter sein. Mehr als NICHTS….. ist nicht. Fleisch wird zu Erde Erde tut sich auf –

nach so viel untergang und hölle gleich zu beginn ist mir nicht so sehr der sinn nach mehr. mein erster, inzwischen verstorbener professor, meinte zu diesen dingen: ist ne temperamentsfrage. wohl wahr. ich fürchte, fröhlich wird das hier keineswegs. sondern brachial. mit der gewalt eines phil collins songs. oh, think twice. man, jirgl. das hätt ich nicht erwartet. aber ich ziehs mir trotzdem rein. aufm wc, spülen nicht vergessen.