17.06.2014

lese wieder fauser, immer wieder fauser.

es ist zu wenig sand in meinen geschichten. zu wenig schmutz, dreck, schlamm, abfall. das übliche. vor ca. tausend jahren nannte mich mal ein junger regisseur einen „schöngeist“, was er mit einer attitüde tat, bei der man kaum zwischen lob und verurteilung, anerkennung und verachtung unterscheiden konnte. ich bin mir heute, aus meinen eigenen gründen, sehr sicher, es war letzteres. schön, brav und behütet, unberührt von den zurichtungen der industriellen welt.

sand, dreck und abschaum stellen sich gegen diese hamburger welt. vorgestern in eppendorf. monotone weiße mittelklasse, gehobenere ansprüche, ikeageschmack in gründerzeithäusern, beflaggte balkone, ringsum alles grün und schön. dieser ort will nichts anderes kennen als sich selbst. wie wäre es stattdessen mit ein bisschen dung ins schlafzimmer?

und all die toten indianer / ersoffenen flüchtlinge gibts gratis dazu.

manche, wie johnny tristano, finden sich nicht in dieser welt und irren durch die nacht. das fauser-gefühl, mit lob und verachtung: „alles wird gut“.

13.5.2014

meine kollegin neonila ist seit einigen monaten ziemlich angespannt, seit tagen sagt sie gar nichts mehr. am wochenende war sie mit ein paar freunden in hamburg unterwegs, um informationsmaterial zu verteilen. informationen über die wahren zustände dort hinten, da wo sie herkommt, im osten der ukraine. welche informationen und woher sie die hat, habe ich nicht gefragt, denn ich habe einerseits nicht vor, mich in eine politische debatte mit ihr zu begeben über ein thema, das sie ganz persönlich betrifft und das sie täglich mit wut und verbitterung füllt, und man sieht, wie sehr sie versucht, sich im griff zu haben, wenn sie am büro-pc die ukrainischen nachrichten liest. und andererseits weiß ich inzwischen auch gar nicht mehr, was dort eigentlich passiert, denn auch die nachrichten sind von allen erdenklichen emotionen verfärbt, so dass sie nur noch selektiv berichten, was dort in gänze geschieht. oft genug wissen die berichterstatter selbst nicht, was tatsächlich geschieht, denn es ist nicht klar, wer auf wessen geheiß oder eigeninitiativ handelt.

nach informationen des BND sind söldner der us-sicherheitsfirma academi (früher: blackwater) auf seiten der ukraine im einsatz. ob auf direktem befehl oder mit billigung der usa oder auf wessen initiative auch immer. hervorragend! moskau hat stets erklärt, sämtliche unabhängigkeitsbestrebungen der ukraine seien ein westliches/amerikanisches szenario. und die gegenargumente gehen allmählich wirklich aus. hier findet also auch kein „bürgerkrieg“ mehr statt, sondern offenbar ein doppelseitiger eroberungskampf: moskaus politik ist fernab jeder gefahr, friedvoll zu sein. im gegenteil hat man bislang stets separationsbewegungen gen osten/russland aktiv unterstützt. allerdings nie zugegeben, direkt daran beteiligt zu sein. und dann ist da ja noch europa, das blinde, dümmliche, hilflose wesen, in dem es überall nationalistisch dampft und brodelt, ohne dass der staatenverbund irgendetwas dagegen zu tun in der lage ist. das mit seinen sanktionen zwar die russische wirtschaft trifft, gleichzeitig aber wohl auch ein katalysator dafür sein kann, eben dieser wirtschaft impulse zu mehr eigenständigkeit zu geben. aus der not eine tugend zu machen, wäre in russland nichts wirklich neues.

diese unübersichtlichkeit, unkalkulierbarkeit der vorgänge, gepaart mit völliger politischer lähmung, einem erschrecken vor dem sich stetig vollziehendem, das kaum steuerbar erscheint, ist das eigentlich gespenstische. und dahinein tanzt nun auch noch conchita wurst, die fröhliche anti-elfe. in einer politisch gespannten situation feiert europas bevölkerung eine eigentümliche verbrüderung. vorerst: die russische politik reagiert reichlich verschreckt, aber auch in europa wird der reaktionäre bodensatz aufgewühlt.

es ist ein fischen im trüben, in schwarzem wasser, zu vermuten, was weiter geschehen wird. fest steht, es wird nicht besonders gut ausgehen und diese heutige ukrainische katastrophe, die noch lange nicht abgeschlossen ist, wird auch in 50, wenn nicht 200 jahren noch politische vorgänge bestimmen oder als grundlage dienen. ebenso wie dieser konflikt ein blutiger nachhall der zerfallenen imperien nach dem ersten weltkrieg ist: damals zerstoben das osmanische reich, das habsburgische reich und das deutsche kaiserreich, das russische zarenreich reinkarnierte als sowjetunion und das britische weltreich überschritt seinen zenit. seither also zerfallen in europa die imperien zu nationalstaaten, die oft einzeln nicht lebensfähig sind. das heutige russische reich, mit stalins ahnenschaft, versucht sich im nationalismus zu retten, doch ich befürchte, sollte es seine wirtschaft nicht in den griff bekommen, wird es das europäische schicksal teilen und zerfallen.

9. februar 2014

und jetzt geht hin, ihr athleten, und protestiert, was das zeug hält, zeigt den feinden der menschenrechte die rote karte, jeden tag, jeder zeit, denn die welt ist momentan zu gast bei homophoben arschlöchern, denen man pausenlos klarmachen muss, wie scheiße sie sind.

so ungefähr denken derzeit einige in diesem land, und glauben sich als helden, wenn sie olympioniken überzeugt haben, die regenbogenflagge bei der siegerehrung zu tragen. denn regenbögen aus stoff sind ja derzeit in russland quasi verboten und den menschenrechten gehts dort auch miserabelst, schauen sie nach in brüssel, und es ist doch toll, mit symbolen aufsehen zu erregen. zumal im namen der menschenrechte. und wer keine flagge schwenkt, ist ein kopfeinzieher und mitläufer. und es ist nichts schöner und leichter, als russland zu kritisieren, auch wenn einem sonst die homosexuellen und menschrechte ziemlich egal sind, es ist olympia und sport muss sein.

das jedenfalls hat sich auch der sportjournalist jens weinreich auf seinem grimmepreis-prämierten blog gedacht und fortan wortreich die (der deutschen sprache mächtigen) sportler animiert, positive lehren aus den vorbildern der olympischen vergangenheit zu ziehen und also nur unter protest aufs podium zu steigen. das ist jedoch nicht als handlungsanweisung gemeint, wie sie etwa der homosexuellen-verband fordert. aus sicht der homosexuellen ist das auch eigentlich vollkommen richtig, aus sicht der menschenrechte ebenso. problem dabei jedoch: ein protest im stofftuch ist und bleibt nur ein symbol und ersetzt keine langwierige politik. wobei ich ja eher den verdacht habe, dass politik gar nicht getan werden soll, also irgendwas mit gesprächen und feilschen um die sache und so, sondern dass sich die forderung nach dem sportlerprotest bereits im symbol erschöpft: weinreich und alle anderen protestsportler auf deutschen sofas (neue olympische disziplin: protest fordern) haben eigentlich kein interesse an politischen veränderungen, sondern nur am symbol, am helden, an einem tabu-übertreter, der russland mal gehörig auf den putin kackt. das wär doch mal was! bringt zwar keine punkte, aber sieht am tv wirklich sexy aus.

womit begründet weinreich seinen „traum“: mit protestierenden sportlern und einem funktionär. wobei eine ganz kleine, aber doch entscheidende verschiebung auffallen sollte: wo und gegen wen protestierten die sportler?

beispiel 1: der ewige klassiker. tommie smiths und john carlos‘ protestfaust in mexico 1968. großartige geste, sensationeller protest, da hat weinreich vollkommen recht. jedoch ist augenfällig, dass sich smiths/carlos‘ faust mitnichten gegen mexico richtet, sondern gegen die rassistischen verhältnisse in ihrem eigenen land. dass also die freiheit mexicos bühne wurde für die politische solidarität mit den von rassistischer gesetzgebung diskriminierten schwarzen australiens und amerikas. mexico war der ort des symbols, nicht sein inhalt. völlig klar, dass der weiße amerikanische vorsitzende des ioc ziemlich angepisst ist. mexicanische reaktionen sind nicht bekannt.

beispiel 2: die protestierende ureinwohnerin. cathy freemans aufstieg vom protestierenden aboriginee in athen zum gefeierten star und politischen botschafter in australien selbst. freemans beitrag zu einer in australien seither öffentlich existierenden debatte , nämlich der umgang mit australiens indigenen bevölkerung in einem gar nicht indigen verfassten staat, ist keinesfalls zu gering einzuschätzen. im gegenteil, ihr doppeltes flaggen-bekenntnis seit 1994, als sie nicht nur australiens flagge schwenkte, unter der sie angetreten war, sondern sich zudem mit den ureinwohnern dieses kontinents, die auch ihre eigenen sind, solidarisierte, ließ die blicke einer bis dahin uninformierten, desinteressierten weltöffentlichkeit auf ein sehr sensibles thema richten: das koloniale erbe und der umgang mit diesem. ein thema wie geschaffen für eine welt nach dem kalten krieg. ein thema wie geschaffen, um es als sportlerin zuerst nicht in australien anzusprechen, sondern im internationalen kontext, bei wms und olympia. auch für freeman war der ort unwichtig, solange er genug internationale aufmerksamkeit versprach, keinesfalls war er thema des protestes.

beispiel 3: der aufrechte funktionär. roland baar tat in moskau 2001 etwas sehr ungewöhnliches: er kritisierte eine entscheidung des ioc, dem er als mitglied und ehemaliger spitzensportler angehörte. denn es ging damals u.a. um die entscheidung, wer 2008 olympia ausrichten darf und welche maßstäbe das ioc anlegt. baar fand, dass geld nicht ausreichte, sondern auch politik eine rolle spielen sollte. er setzte sich bekanntlich nicht durch. gegen wen richtete sich sein protest: jedenfalls nicht gegen moskau, wo die sitzung stattfand. auch nicht grundsätzlich gegen china, das für peking schließlich die spiele zugesprochen bekam. sondern einzig gegen die vergabepraxis des ioc. dass ein mitglied so offensiv kritisch auftritt, gehört nicht zu den traditionen des ioc. übrigens zu keiner tradition irgendeines sportverbandes, aber egal. es ging nicht darum, china zu bestrafen, sondern klar zu machen, dass das ioc politische verantwortung hat mit der entscheidung, wer die spiele ausrichtet. das ioc hat sich dagegen entschieden und findet nach wie vor, meinungen der akteure sind einzelfälle, der rest ist sport und geld. einen baar hätte man sich ganz gerne in diesem sinne gewünscht, als für sotchi beim ioc votiert wurde.

heute aber, in sotchi, soll verlorener boden wieder gut gemacht werden und versäumnisse nachgeholt. denn es steht die situation so, dass von den sportlern erwartet wird, sich zu einem politischen protest gegen den eigenen gastgeber hinreißen zu lassen. dass also ein europäer, amerikaner, afrikaner oder sonstwoher nach russland fährt, um den leuten dort mal klar zu machen, dass russland ganz sicher nicht das land ist, in dem man leben sollte. das ist wohl genau so wie eine amerikanische eu-beauftragte, die europa zum kotzen findet und die das auch mal wissen lässt, freiwillig oder nicht. klar ist europa der klaren worte wegen dankbar und gelobt besserung. beinah, jedenfalls.

aber so ungefähr stellen sich die symbolprotestler wie weinreich das vor: zum nachdenken anregen, das gute bewirken, mit einer ohrfeige. ach die gute alte diplomatie, wie in der schule: leichte schläge auf den hinterkopf erhöhen das menschenrechtsvermögen. das geht natürlich am wirkungsvollsten, wenn man den gastgeber hübsch vor den kopf stößt und ihn vor der weltöffentlichkeit abwatscht. keine frage. russland steht auf solche erziehungsmaßnahmen. und die milliarden völlig krankhaft homophoben russen kratzen sich natürlich sofort geläutert die eier. so geht politik und aufklärung sport und olympia heute. zum probieren: lassen sie sich von jens weinreich und konsorten nach hause einladen und nörgeln sie heftig über alles, was sie finden können. sie werden sehen, das kommt total gut an und wird der beginn einer wunderbaren freundschaft.

oder so. fuck western arrogance.

05. februar 2014

ab sofort also wieder arbeiten. früh raus, putzen, kaffee, bushaltestelle. das gebiet hamburgs, in dem mein job stattfindet, ist eine bürohauswüste, eine funktionale quadratische hochgewachsene stahlglasbetonwelt, die man eigentlich wie suburbs behandeln müsste, lägen sie nicht unmittelbar im zentrum: graffiti findet man hier ebenso wenig wie müll, reste von irgendetwas abgefackeltem oder hundekot auf den gehsteigen. hier wohnt ja auch niemand, hier sind büros ohne ende und das ganze hat den charme der zukunft von 1975 aus gesehen.

suburbs

ich treibe mich in der kuhherde des arbeitsvolkes, die an diesem bahnhof aus der s-bahn trottet, an die stätte meines dienstes, ein job mit staatssbürgerlicher verpflichtung, im auftrag des jobcenters aus einer horde wildgewordener migranten mittels sprachkurs wohlintegrierte arbeitssuchende und -findende zu machen, niveaustufe b2. und der laden, in dem dieser versuch unternommen wird, ist total neu, was bedeutet frisch gestrichen, spurenlos und infektionsfrei, worin ein haufen arbeit steckt, die man nun gar nicht mehr sieht, denn diese sprachschulen und fortbildungsinstitute sehen in ihren seminarräumen deutschlandweit ziemlich identisch aus, so wie sich behandlungszimmer, fernbahnhöfe und moderne kinos vollständig gleichen, da gibt es irgendwo eine firma, die komplett eingerichtete würfel und quader mit der stets gleichen ausstattung anbietet, je nach nutzungsidee gibt es minimale, aber entscheidende differenzen, und grundsätzlich ist das alles auf funktion ausgerichtet, relieflose weiße wände, eine farbe blau für alle sitzbezüge und grauer teppich, so schreibt es die firma vor, andernfalls folgt die abmahnung, und diese firma nennt sich amt, in dessen schwarzweißen rundschreiben ist klar geregelt, dass die seminarraumtische einer reihe bis zur anderen genau einen meter abstand haben müssen, der tisch des seminarleitenden dozenten zur an der wand befindlichen tafel zwei meter, womit die artustafel als unterrichtsform eine klare ordnungswidrigkeit ist und geahndet werden muss, sollte ihr vorhandensein offenbar werden, ebenso dürfen aufenthaltsräume nicht aufenthaltsräume genannt werden, solange sie fensterlos sind, und die einhaltung der vorgeschriebenen pünktlichkeit jedes einzelnen kunden hat dokumentiert zu sein und so weiter, ganze arbeit, jungs, ist doch gut zu wissen, woran man ist, alles schön übersichtlich und allerklarstens strukturiert, sonst ist es mit der lizenz essig.

und in solchen zusammenhängen treffe ich auf leben. ich komme mir vor wie eine penny-version von kolumbus, der seine sichtung von löwenzahnblüten im asphaltmeer nicht fassen kann. afghaner, iraner, ecuadorianer, libanesen, russen, iraker, vietnamesen und eine junge frau aus gambia, die alles hasst und irre fröhlich ist. die haben zwar meinetwegen nicht so die tollen ämter, aber was zu erzählen, die haben geschichten aller art und aller grammatikalischer konstruktionen, und in diesen räumen ist dann so viel farbe, das hält kein regelwerk aus. das jobcenter, am ersten tag in form einer älteren dame anwesend, der ständig eine blonde emo-locke übers rechte auge fällt, spricht mit mir hingegen nur hochdeutsch und vor allem klartext, verlangt von den komischen leuten da vor mir leistung, leistung und nochmals leistung, ganz unmissverständlich, dabei darf ich gar nicht über soviel verirrten lenin-kommunistischen eifer grinsen, der sich da in die hochburg bürgerlichen ordnungssinns geschlichen hat, der da aus ihr heraussprudelt, sie will entwicklungen sehen und die maßnahme müsse erfolg haben, und damit schwenkt sie wieder in die behördlichen drucksachen ein, denn mitleid könne man nicht mehr haben nach all den jahren der anstrengungen etc etc. ich nicke pflichtschuldig und frage mich, ob sie in ihrer frühpubertären schulzeit mal zeilen von rolling-stones-songs, sprudelnde penisse mit härchen und vaginas in rhombusform an den rand ihrer mathehefte gemalt hat oder eher nicht. satisfaction anyway?

jedenfalls lassen sich die ersten paar tage dieses jobs mit meiner meute aus maad, ahmad, farida, sakina, hawlatou, sanaz, maria, victoria, jimmy, cristiano, meylin und sayed ziemlich fröhlich an, gerade auch im kontrast zu der uns umgebenden geometrie, und das ist doch schon mal gar keine schlechte sache. ich melde mich wieder.

31. januar 2014

jetzt eben habe ich wieder die halbe nacht wach gelegen, obwohl mir schon um 9 zumute war, als wollte ich augenblicklich einschlafen. ich bin nun schon 5 monate wieder zurück im land, und in drei tagen wird es losgehen, das richtige leben, die arbeit, der job, der verdammte unsinn, den man nötig hat, um hier über die runden zu kommen. in drei tagen bin ich wieder lehrer und stehe vor 15 leuten, die vom amt geschickt wurden, damit sie perspektiven auf dem sogenannten arbeitsmarkt finden. und ich kann nur hoffen, dass da auch ein paar bei sind, die glück haben. die restlichen dürfen ihr misslingen dann gern auf mich schieben, denn irgendeinen verdammten sündenbock muss man ja in die wüste schicken, also den job übernehm ich sehr gern. leider zahlt mir das keiner, aber egal. in drei tagen werden die leute da sitzen und irre dinge von mir erwarten. genauso wie die dame vom amt, die sie losgeschickt hat zu einer „maßnahme“. und die leiterin der einrichtung, an der der kurs stattfinden wird, auch sie mit angekauten fingernägeln, dass alles gut geht und das institut diese kurse weiterhin ausrichten darf. was auch immer gut gehen mag. ich jedenfalls lass es mir offen, ob mich der job interessiert und ob ich bereit bin, den lehrer zu geben.

5 monate sind es, und bislang, in den letzten stationen, war stets ein moment dabei, an dem es mich interessiert hat. das ist ausgeblieben, größtenteils. klar, ein paar gleichgesinnte hab ich gefunden. aber ehrlicherweise muss man sagen, nach nur zwei treffen, das ist ein recht eingeschlafener haufen mit leuten, die eigentlich nichts mehr zu wege bringen. gefragt, wie denn so die möglichkeiten aussehen, einen befreundeten autor aus dem ausland einzuladen und auf einer lesung vorzustellen, erinnerten sich die alten an die zeiten, als sie noch regelmäßig lesungen veranstaltet haben. mag sein, dass auch nur die gekommen sind, die eh zeit haben. aber die ganze sache sieht mir doch sehr verschlafen aus. ich hab nicht übel lust, dem laden ein wenig in den arsch zu treten und dort ein bisschen bewegung rauszuquetschen. aber die verschlafenheit ist etwas, das grundsätzlich über diesem landstrich liegt, zumindest an diesem ort, an dem wir gestrandet sind. diese welt um uns herum ist so müde, so verhalten und in ordnung. es sind hier keine geschichten. es ist kein beat, kein puls und kein problem. es ist alles so verhalten. es ist eine haltung, die mit wenig neugier auskommt. ich sehe in den menschen, mit denen ich zu tun hatte bislang, recht wenig interesse, gier, freude und geilheit auf neues im sinne: auf anderes. auf alternativen. hin und wieder blitzt es bei unserem nachbar auf, der nach einem neuanfang oder einem impuls sucht, etwas zu beginnen.

und ich fühle mich oft genug gelähmt und werde teil dieses verhaltenen verhaltens. jetzt also lehrer. aus purer bequemlichkeit, damit erst mal was da ist, so als basis. dabei sitze ich auf genug kohle derzeit. und in mir ist soviel aufbruch. und soviel lust, diese müdigkeit, gelähmtheit, verzagtheit einzureißen, in schutt und asche zu legen.

nirgends habe ich es mehr genossen, an fauser zu denken. und seinen stolz zu vermissen. seinen zorn. oder schliengensiefs wilde experimente, konsequent in jeder hinsicht. auch jelineks furor hat sich, hierzulande wenigstens, ein bisschen aufgelöst. die junge literatur kommt heute oft genug aus der akademie, gebildet, wortgewandt, harmlos. nicht weil sie aus ähnlichen milieus stammen. es sind keine geschichten in den menschen, die über sie selbst hinausgehen. dieses land ist, gemeinsam mit seinen deutschsprachigen nachbarn und einigen anderen europäischen staaten auch, zu einer insel der geruhsamkeit geworden, rings um europa und an seinen südlichen rändern, da tobt es, da brutzelt was, schauen sie in die ukraine oder, in die andere richtung, ja, und noch über den horizont, da ist bald nicht mehr mexico sondern ein riesiger mexikanischer friedhof, hier wie dort sehen sie, wie geld und macht, die beiden riesigen titten der hure kapitalismus, staaten zum erodieren bringen. abgefahren, oder? wird bald geile actionthriller zum thema im cinemaxx geben, ganz sicher. und bei uns gibts finsterworld, prätentiöser provokationsquark. so richtig die mahlzeit für beschauliche orte. jetzt geradelese ich serhij zhadan, weil ihn mir kerstin geschenkt hat. und ich bin furchtbar sauer auf sie, weil sie weiß, dass ich nie nur ein buch eines autors lese, sondern möglichst das gesamte greifbare oeuvre. na gut. also zhadan. und zwischen so viel gefluche, gesaufe und geschimpfe und gelabere so viel lebenslust, mit einem wirklich rotzigem „trotz allem“ rausgehauen – das ist wirklich bewegend. beeindruckend. inspirierend. anarchistisch geradezu.

im ausland habe ich gelegentlich dinge aus deutschland vermisst. freunde oder einen guten döner. in deutschland gerade vermisse ich dinge aus dem ausland. freunde. und viele gute faszinierende geschichten. dafür lohnt es sich, wach zu bleiben, keine frage.