Marion Poschmann Die Kieferninseln Es ist ein Auszeichen guter literarischer Texte, dass sie in ihren Lesarten tendenziell unabschließbar sind und sich vielen, auch vollkommen konträren Perspektiven öffnen. In diesem Sinn kann Marion Poschmanns „Die Kieferninseln“ als guter literarischer Text verstanden werden, da das Buch sowohl auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht und sowohl hoch gelobt als auch stark kritisiert wird. Eigenartigerweise verdankt sich diese Offenheit aber in erster Linie einer Leere und einem fehlenden Kern des Textes, denn er zerfällt in viele kleine Teile,…Continue Reading „Zufall, Beliebigkeit, Poesie und Unverständnis“

Isabelle Lehn Binde zwei Vögel zusammen Dichtung und Wahrheit sind bekanntermaßen ein eigentümliches Gespann, das sich umflattert und liebkost ebenso wie sich rauft und zankt, aber nie können beide voneinander lassen. Man sollte sie dennoch besser nicht vermischen. In Zeiten höchst kunstvoller medialer Inszenierungen, aggressiver Propaganda, Verhöhnung kritischen, dokumentierenden und faktenbasierten Journalismus, Bildermanipulationen, Realitätssimulationen, zunehmender Irrgläubigkeit und wild blühender Verschwörungstheorien sind Dichtung und Wahrheit allerdings kaum mehr zu unterscheiden. Dies könnte die Basis für einen komplexen, irritierenden, im pynchonschen Sinn erkenntnistheoretischen Roman darstellen, der sich…Continue Reading „zu fest gebunden“

habe mir neulich das vielbesprochene, oft gelobte buch „wir kommen“ der vielbesprochenen, oft kritisierten autorin ronja von rönne als ebook besorgt. dann habe ich angefangen zu lesen und dann habe ich wieder aufgehört. und jetzt zucke ich mit den schultern: naja, buch halt. eins, das ziemlich hoch einsteigt mit dem aktiven verdrängen des todes einer freundin, dazu depression und angst und therapie der erzählenden hauptfigur – und dann kippt es schon in gescheiterte liebesgeschichten und die wenig versteckte sehnsucht nach einer einfachen welt. draußen ist…Continue Reading „17.03.2016“

die literatur alexander kluges begleitet mich seit langem. insbesondere der band von 2006 „tür an tür mit einem anderen leben“ hat eine ganz eigene sogwirkung; der titel ist emblematisch: die erzählung von lebensläufen inkl. ihrer politischen dimensionen, das chronistische, dessen aufbrechen durch das bereitstellen von möglichkeitsräumen, türen, naht- und schnittstellen, scharniere und ihre (un)genutzten chancen, begegnungen und ihre zufälligkeiten, das was-wäre-wenn und sein poetisches potential. all das in kürzesten geschichten mit eigensinn und außerordentlichen perspektiven, über persönlich unfassbare zeiträume und in überraschenden perspektiven. Die Erste…Continue Reading „beim durchblättern eines buches von a. kluge“

das seltsame ist ja, wenn man sich für die freie zeit etwas vornimmt, kommt ganz sicher von irgendwo ein anruf und man springt für erkrankte kollegen ein. soviel zur lyrik. es ist auch weiterhin pegida-zeit im lande. aggressiv, kleingeistig und zutiefst rassistisch intervenieren auch 2015 wieder tausende gegen eine komplexe gegenwart in zentraleuropa und definieren den politischen diskurs. wie auf die sächsischen trolle reagieren? im journalistischen bereich scheint sich eine lösung durchzusetzen: abwehr durch ironie. im politischen lager reicht das spektrum von vehementer ablehnung (von…Continue Reading „06.01.2015“

kurze notiz: gestern eine angenehme verleihung des hamburger literatur-förderpreises im literaturhaus erlebt. (nach auskunft einer jurorin ist meine bewerbung knapp am preis vorbeigerauscht.) nebenbei ein kurzes gespräch über daniel kehlmann geführt. unverständnis über seine stellung im literaturbetrieb. seine prosa ist stilistisch feinstens, dabei doch stets streberhaft. seine bücher sind kantenlos, es bleibt ein geschmack der sterilität. den figuren wird mit arroganz begegnet, meist werden sie lächerlich dargestellt, aber ohne tiefe. keine fallhöhe, kein echo. es sind artifizielle anordnungen, in stets wiedererkennbarem ton (ausnahme: der fernste…Continue Reading „10.12.2014“