19.10.2014

oft genug spreche ich mit jenny oder freunden oder während der arbeit im kurs mit den teilnehmern über fragen der ernährung, was ist richtig bzw was hält man dafür, was schmeckt und was nicht, wie wird es hergestellt und in den verkauf gebracht. ernährung, neben bildung, ist nicht nur biologisch eine notwendigkeit, sondern ein zentraler aspekt der lebensführung und damit ein wesentliches element der identität. ernährung ist ein statussymbol. und damit ein hervorragender indikator für die funktionsweise industriell geprägter gesellschaften: funktionsweise der ökonomie, der produktion, der politischen prozesse bis hin zu armee und kriegsführung, ebenso die individualisierung des essens anhand von ernährungsberatung, die konditionierung des essverhaltens anhand von ratgebern und diätprodukten, damit verbunden die psychologisierung des essens und die funktionalisierung der nahrung als nicht allein essen, sondern zugleich auch noch als medikament oder psychologische stimulanz. erstaunlich bleibt, wie fremd uns das essen tatsächlich ist: herkunft, herstellung bleiben meist unklar und die nahrungsaufnahme ist oft genug ein rein funktionaler vorgang, der möglichst gering im aufwand sein sollte. im (protestantisch geprägten) deutschland existiert eine lustfeindliche haltung zum essen.

ein befund, der alles andere als neu oder überraschend ist, über den ich allerdings heute erst wieder nachdachte aufgrund eines interviews auf spiegel.de. wenn man die esoterischen worthülsen wie „den signale des körpers zuhören“ oder „somatische intelligenz“ rauswirft, kommt man zu einer einfachen erkenntnis: wir verbinden essen mit funktionen, nicht mit lust. wobei „wir“ für einen großteil der menschen industrieller gesellschaften steht. dass man auf seinen körper achten sollte, um sein wohlbefinden zu steigern, ist eine plattitüde. tatsächlich ist es aber kaum möglich, denn der gesamte raum, in dem wir uns bewegen, ist dem funktionalen unterworfen bzw nach funktionalen gesichtspunkten entwickelt. ein beispiel meiner hamburger lebensrealität:

ich habe täglich kurse für erwachsene migranten von 9 uhr bis 14 uhr, 5 zeitstunden, 6 unterrichtsstunden. nach je 90 minuten gibt es eine pause von 15 minuten, das sind 2 mal 15 minuten. zeit für ein mittagessen, das mit einigermaßen genuss zu sich genommen werden könnte, ist nicht. die räume, in denen der kurs stattfindet, sind vollständig weiß an wänden und decken, grauer teppichfußboden, graues, grobes mobiliar, die stühle mit blauem polster bezogen. für alles gibt es entsprechende normen, deren einhaltung immer mal wieder überprüft werden kann. die kursteilnehmer haben zur hälfte kinder, von denen die meisten im kindergartenalter sind. die kurszeiten zu verändern, um etwa eine längere mittagspause einzulegen oder insgesamt veränderte anfangs- und endzeiten sind nicht möglich, weil die eltern ihre kinder bis 15 uhr von der kita abholen müssen, denn längere betreuung kostet geld, über das sie nicht verfügen. flexible kita-zeiten sind in deutschen staatlichen kitas nicht vorgesehen. womit für den tagesablauf konkrete, direkt ineinander greifende vorgänge vorgesehen sind, die sich nicht variieren lassen. ich beispielsweise bin kein frühaufsteher und kann mich seit 9 monaten nicht an den 7-uhr-rhythmus gewöhnen. eine stunde später wäre ideal, doch den kurs um eine stunde zu verschieben ist nicht möglich, denn die kinder müssen rechtzeitig abgeholt werden. für essen bleibt da kaum zeit, geschweige denn so etwas wie freude, lust und genuss. mein mittag esse ich also meist gegen halb 3 in der nähe eines bahnhofes, mal ein fischbrötchen, mal ein döner, immer in sicht- und hörweite zu verkehrsmitteln, die mich schnell vom ort der nahrungsaufnahme fortbringen können zum nächsten termin. unter diesen umständen ist es natürlich ein leichtes, auf die signale des körpers zu hören.

tatsächlich weiß ich, dass es genau diese lustfeindlichkeit und funktionalisierung ist, die genau wie meine kursteilnehmer auch mich immer wieder irritiert und verstört. „die leute lachen so wenig“, beobachten meine teilnehmer und enttäuschen immer wieder neu ihre illusionen von europa, die sie einmal irgendwo gehabt haben. so wie ich beispielsweise in ostkroatien. erst gestern habe ich einen alten text aus osijek von mir wiedergelesen, in dem es um die slawonische küche ging: ein kleiner junge bestellte nudeln ohne soße und erhielt ein volles 500g-Paket, ein riesiger berg auf seinem teller, viel zu viel für ihn, aber was für eine freude in seinen augen! essen als körperliche überwältigung. aber stets lustvoll. diese möglichkeiten der freude fehlen mir hier, dass ich nicht weiß, wie lange ich es ohne ertragen will.

22.07.2014

der absturz des fluges mh17 in der ostukraine und die nachfolgenden ereignisse sind die tragischsten und verstörendsten ereignisse in europa seit jahrzehnten. tragisch, denn es sind 298 menschen gestorben, die mit dem konflikt absolut nichts zu tun hatten: ihre tode sind vollkommen absurd. und verstörend, weil sich der krieg in der ostukraine durch den abschuss des passagierflugzeuges vollständig entgrenzt hat: eine wahnsinnige tat, die offenbar auf grausamer verwechslung beruht, führt zu zerwürfnissen, statt zu trost. es ist ein camus’scher akt: die sinngebung des absurden, hinter der alles andere verschwindet: gaza-israel, antisemitische auswüchse in europa, syrien, nigeria, insgesamt 50millionen flüchtlinge weltweit – nichts davon ist gelöst, wird versucht zu lösen. statt dessen streitet man um die deutungshoheit über die toten: denn das absurde hat nur insofern sinn, als dass man sich nicht mit ihm abfindet. und mit diesen 298 toten kann man sich natürlich nicht abfinden, es muss gründe, vor allem hintergründe geben, mit dem die katastrophe erklärbar, verstehbar, deutbar, nutzbar wird.

seit beginn der ukraine-krise, also seit den maidan-protesten, die zu einem blutigen umsturz führten, hat sich in der deutschen öffentlichkeit eine haltung entwickelt, die den bekannten hiesigen medien kritisch-ablehnend gegenübersteht. wofür die medien selbst einen gewissen teil mit beigetragen haben. doch scheint mir dieser teil inzwischen relativ gering, nach der kritik der berichterstattung im ukraine-konflikt durch die ehemalige ard-russland-korrespondentin krone-schmalz ist die berichterstattung sachlicher. doch die vehemente kritik in den sozialen internetmedien ist geblieben. jedoch scheint mir, dass diese sich nicht so sehr an die arbeit der journalisten selbst richtet, sondern an die in den meldungen transportierte haltung westlicher politiker: signifikant für vollkommen unglaubwürdige politik ist john kerrys reaktion auf den anschluss der krim an russland. und mit ihm verliert die deutsche politik eben auch ihre glaubwürdigkeit, wenn sie sich aus nato-bündnis- und wirtschaftlichen gründen oft genug auf die seite der amerikanischen politik stellt oder diese nur sehr zögerlich kritisiert, wenn es angebracht scheint, etwa im gesamten nsa-snowden-komplex. dieses missverhältnis im umgang mit den ehemaligen polen des kalten krieges ist evident und erklärbar – ebenso wie auch die im europäischen kontext zögerliche deutsche haltung zu sanktionsverschärfungen gegen russland auf verträgen und wirtschaftlichen abhängigkeiten beruht. doch für diese schieflage werden die medien bzw die klassischen, bekannten, überregionalen medien, die die meinungen der eigenen politiker oder kontroverse diskussionen über die grenzen hinweg abbilden, verantwortlich gemacht. für die gegenthesen der kritiker wird hingegen oft auf unabhängige blogs oder andere, deutlich weniger etablierte quellen verwiesen. und oft genug mit einem ebenso klaren gut-böse-schema, wie es den medien selbst vorgeworfen wird. ein beispiel unter hunderten, dieses von der taz-webseite:

Es wird immer klarer. Die ukrainische Luftwaffe benutzte die zivilen Flieger im Kampfgebiet als Deckung für militärische Luftfahrt, benutzte mithin die Passagiere als menschliche Schutzschilde. Und obendrein könnte es sein, dass das ukrainische Regime die zivilen Flugzeuge absichtlich über die Region fliegen ließ, um bei Gelegenheit mal eines davon abzuschießen und es Russland und der LVR/DVR in die Schuhe zu schieben.

(User PID, 22.07.2014, 12:52Uhr)

auffällig daran: es wirkt wie ein reflex, übermäßige kritik an der russischen politik in deutschen medien damit zu beantworten, indem ziemlich vorbehaltlos die russische sichtweise verteidigt wird. als sei die kritik an dieser nicht ebenso notwendig und berechtigt. sowohl außenpolitisch, da putin stets die territoriale integrität auch der ukraine verteidigt hat – was ihn jedoch nicht hinderte, mit enormer geschwindigkeit die krim an russland anzugliedern. ein klarer bruch der eigenen aussagen. und was sehr gern übersehen wird: innenpolitisch hat sich seit den wahlen 2011 einiges geändert. nur ein beispiel: während es uns in irkutsk bis 2011 problemlos möglich war, eine zweisprachige zeitung in irkutsk zu publizieren, bekam die russische mitherausgeberin ab 2012 regelmäßigen besuch des fsb und der klaren ansage, sämtliche russischsprachigen artikel vorab durchsehen zu lassen. ebenso wurde zugriff auf die kommunikation und die im internet zwischengespeicherten dateien verlangt. das war 2012. inzwischen sind 2 jahre vergangen, ein gesetz gegen fluchen in der öffentlichkeit (inkl. tv, film, zeitung etc) wurde erlassen, die möglichkeit über homosexualität aufzuklären unmöglich gemacht, teilnehmer an demonstrationen gegen putins politik verhaftet und verurteilt, die arbeit von ngos deutlich erschwert (agenten-gesetz), ein gesetz zur sperrung von internetseiten verabschiedet (wobei die formulierung sehr offen gehalten ist, was allerhand möglichkeiten im gebrauch lässt und typisch für restriktive gesetze ist) und seit neuestem die werbung für bezahlfernsehen verboten (was sich gegen unabhängige fernsehsender wie etwa „dozhd“ richtet). dinge, die leider keine anzeichen für eine offene, plurale gesellschaft und medienlandschaft in russland sind und in der deutschen öffentlichkeit gern übersehen werden, wenn das misstrauen gegenüber den eigenen medien zu groß wird. oder das unbehagen an der aussicht, dass es hier vielleicht nicht gut ist, doch andernorts eben auch nicht so schlecht sein kann, wie es dargestellt wird. oder an der perspektive, dass sich die ursachen und täter wohl nie zweifelsfrei ermitteln lassen werden. weil die verstörenden, absurden ereignisse zu sehr nach sinngebung verlangen: das absurde kann nur mit religiosität gelöscht werden.

27.06.2014

wahrscheinlich bin ich einfach zu lange aus diesem land raus gewesen. aber ich komme einfach nicht mehr rein. ich kapiere die leute einfach nicht. nicht wie sie ticken, nicht ihre anliegen und ihr weltverständnis.

soeben fuhren rund 4000 radfahrer am fenster vorbei. räder aller art, aus holz, tandems, große einräder etc. sah eigentlich toll aus. da gehts um was, dachte ich und suchte die fahrer nach botschaften ab, die sie durch eimsbüttel trugen. irgendwelche banner, symbole, leute mit flugblättern, irgendwas zum solidarisieren. radfahren gegen die flüchtlingspolitik, radfahren gegen atomkraft und für den frieden, meinetwegen auch radfahren für mehr zähneputzen in kitas. doch nach einer viertelstunde gab es immer noch keine spruchbänder, keine plakate, keine hinweise auf das anliegen. nur radfahrer. manche mit der deutschlandflagge am gepäckträger, wegen wm und patriotismus und so. nun, kurz und gut, wir sind im beschaulichen deutschland, im zutiefst bürgerlichen hamburg zumal, da entlädt sich auch schon mal lange aufgestaute empörung in beschaulichem drahteseltreten. was da an mir vorbeifuhr ist die CRITICAL MASS. jawohl, genau so nennen sie sich: die kritische masse. und sie protestiert in hamburg, berlin, leipzig und sonstnochwo. auf der hamburger webseite haben sie ein logo, dass die ANC-faust mit einem fahrrad kombiniert. ein politisch wirkendes symbol und ein fordernder name. allein: es geht um genau gar nichts. radfahrer sind verkehrsteilnehmer – das ist die „forderung“ der critical mass. exakt so, wie es in der straßenverkehrsordnung steht. wir sind in deutschland, da ist die positive bestätigung der verkehrsregeln der inhalt von protestbewegungen. und twitter quillt über vor begeisterten tweets, wie toll der ausflug wieder ist und wie irre viele mitmachen. also — blankes staunen.

Fahrräder zählen laut der Straßenverkehrsordnung ebenfalls zu den Fahrzeugen und gehören genauso dem Verkehr an wie Kraftfahrzeuge. […]

Die Critical Mass ist eine kreative Form des Straßenprotests, mit dem Radfahrer darauf aufmerksam machen möchten, dass sie ebenso wie motorisierte Fahrzeuge Teil des Straßenverkehrs sind.

sorry, ich verstehs einfach nicht. protest? gegen autos, echt jetzt noch? in städten mit super perfekt funktionierendem nahverkehrssystemen, wo an jeder verdammten haltestelle minutengenau bus und bahn angezeigt werden? da braucht es per facebook abgesprochene fahrrad-flashmobs, weil fahrräder ja sowieso selbstverständlich zum verkehr gehören? wow. in einer stadt mit massig radwegen wirklich ein heißes eisen. first world problems at its finest. welcome to germanistan.