erschütterte gesellschaft

mit dem ergebnis der heutigen bundestagswahl und dem – aus ihrer sicht triumphalen – einzug der rechtsradikalen partei afd ist auch dieses land zu einem normalen europäischen staat geworden. eine äußerst beunruhigende normalität: die europäische union besteht inzwischen aus einer ansammlung von ländern mit starken national gesinnten parteien, die entweder den politischen diskurs bestimmen (frankreich, österreich, großbritannien, auch spanien) oder ihn gar leiten (ungarn, polen, kroatien). stets aber sind die gesellschaften unruhig, es gibt massive demonstrationen und enorme soziale differenzen. diese erschütterungen, die fast überall aus hausgemachten ökonomischen krisen nach dem großen europäischen umbruch 1989/90 resultieren und in der wirtschaftskrise 2008 manifest wurden, haben sogenannte „zerrissene“ oder „gespaltene“ gesellschaften geschaffen, ähnlich dem cineastischen motiv der aufreißenden straßen nach einem erdbeben – wobei das bild des spaltes zwar anschaulich, doch maximal simplifizierend ist, als gäbe es ein eindeutiges gut und böse, links und rechts, die und wir etc. dichotomien eignen sich zur veranschaulichung, aber keineswegs zur erklärung.

in deutschland ist es nun also die anwesenheit einer offen rassistischen, demokratiefeindlichen, aggressiv national gesinnten und zutiefst bürgerlichen partei, die der anlass für den ewig gleichen kulturkampf ist: es ist keineswegs der breit ausgewalzte, talkshow-taugliche und sowieso inexistente „clash of cultures“ zwischen migranten und einheimischen – es ist der kampf um die hegemonie selbst: wer definiert das land, wer dominiert den staat und seine institutionen, wer bestimmt die debatte und den ideologischen kurs. es ist ein kampf um vorherrschaft, um medien, einfluss und wahrheit, ein kämpfen, das auf maximalen dissens ausgerichtet ist und stets kaputte gesellschaften zurück lässt. in deutschland ist seit dem beginn von pegida das bild des kulturlosen, antidemokratischen ostdeutschen wieder populär, und das außergewöhnlich hohe resultat der afd scheint dieses bild zu bestätigen.

tatsächlich hat das gesamte bundesgebiet die afd ins parlament gewählt, ob im ehemaligen westen, in hamburg oder bayern – die afd übersprang überall mühelos die 5%-hürde. den osten für die hohen werte der afd verantwortlich zu machen, ist wohlfeil – und spricht für eine haltung, die mit komplexen situationen und schwierigen lagen nicht anders umzugehen weiß, als in selbstgerechtigkeit und schuldzuweisung zu verfallen.

tatsächlich läuft die spaltung – sofern man es denn als solche bezeichnen möchte – zwischen wählern etablierter bürgerlicher parteien und dem extremen rechten bürgertum – dessen politischer arm afd nach wie vor als „populistisch“ verharmlost wird – ziemlich wild durch die gesellschaft. es gibt kaum soziologische befunde, wer etwa in hamburg aus welchen motiven afd wählt. das billige „abgehängtsein“ funktioniert nicht, denn die parteimitglieder sind bestens verdienende akademiker – und damit auch keineswegs die „mitte der gesellschaft“, sondern ihre erfolgreiche elite. die gesellschaftliche erosion beginnt also nicht im vielgeschmähten proletariat, sondern einmal mehr im bürgertum, das angeekelt in den osten blickt und die augen vor seinen eigenen extremen verschließt.

denn es existiert eine überakademisierung der politik. bürgerliche politiker geloben immer wieder die bildungsoffensive, mit der insbesondere eine akademisierungsoffensive gemeint ist – die aufnahme von kindertagesstätten in den bildungskanon oder gar das thema inklusive bildung findet sich in den parteien so gut wie gar nicht: bildung bedeutet hochschulbildung. doch immer wieder wird genau vor dieser überakademisierung gewarnt, denn die bevölkerung besteht nur zu einem drittel aus akademisch gebildeten – und bildung an sich ist kein auszeichen für weltoffenheit und toleranz, wie insbesondere afd, aber auch fdp und die leitkultur-gierige cdu/csu immer wieder beweisen. der höchst unausgewogen besetzte bundestag, der sich in seiner zusammensetzung nicht an der sozialstruktur des landes orientiert und zum großteil aus juristen besteht, ist signifikant für eine distanzierung des politischen von sich selbst, und das in ganz europa. eine untersuchung des vertrauensverlustes in das instrumentarium der demokratie sollte neben ökonomischen ursachen auch und gerade die bildungsentfernung der mandatsträger vom souverän ins auge fassen.

insbesondere in ostdeutschland bzw dem ehemals sozialistischen osteuropa, wo der akademisierungsgrad künstlich niedrig gehalten wurde und intellektuellenfeindlichkeit gefördert wurde, wird dies wahrgenommen als gesellschaftliche distanz. (übrigens ein grund dafür, dass die linke dort traditionell stark und die grünen ziemlich schlecht dastehen: die grünen in ihren ursprünglichen pullover-outfits versinnbildlichten idealtypisch den „arbeitsscheuen studenten“.) der afd gelang es ganz offenkundig, mit ihrem aggressiv ausländerfeindlichen, völkisch-nationalen, anti-elitären und auf egoismus ausgerichteten wahlkampf aus dieser distanz für sich kapital zu schlagen. daraus jedoch abzuleiten, dass es das geringere bildungsniveau im osten sei, das derartige zustände hervorbringt, auch der irrt auf seinem bildungsbürgerlichen ross. ein zentraler aspekt, der im verhältnis ost und west eine rolle spielt, wird nämlich oft übersehen: die schrumpfung der ostdeutschen bevölkerung. und damit die entwicklung einer extremen und sozial überforderten gesellschaft: die bevölkerung im erwerbsfähigen alter nimmt signifikant ab. während im westen die bevölkerung mehrheitlich wächst. die bevölkerung im osten verarmt und vereinsamt – ein klima für extreme positionen, zumal ihnen wie in sachsen wenig politischer gegenwind droht.

leider stehen in ganz europa nicht die zeiten auf besonnene analyse und schon keineswegs auf langfristige politische perspektiven, gar visionen. die politischen und ökonomischen erschütterungen der vergangenen jahre haben mit dem heutigen tag sämtliche europäischen länder erfasst. und die ankündigung des neu-nationalen afd-vorsitzenden gauland, merkel (und damit die demokratische verfasstheit des landes) zu „jagen“, lässt auf eine maximal destruktive strategie schließen. es wird ebenso laut und widerwärtig weitergehen, wie es in den vergangenen jahren zuging. und es ist an uns, dem so bestimmt wie möglich entgegen zu stehen und etwas anzubieten, um nicht die bereits entstandenen schäden noch zu vergrößern. auch und insbesondere für diejenigen ostdeutschen, die nicht für die neuen nazis gestimmt haben.

empirische beobachtung

am ende einer facebook-diskussion und mit blick auf allgemein europäische debatten um migration, zuwanderung, fliehende und evtl zuflucht bietende menschen, regionen und staaten bleibt festzustellen: die leute teilen sich grundsätzlich in zwei kategorien – in diejenigen, die sagen „herzlich willkommen, fühlen Sie sich wie zu hause“, und in diejenigen, die als erstes die hausordnung vorlesen und den strafenkatalog gleich mit. eine von beiden kategorien ist die der imperativen vollpfosten.

18.12.2014

die ereignisse des zu ende gehenden jahres sind mit künstlerischen mitteln, literarischen zumal, kaum zu fassen. das gesamte jahr 2014 fast pausenlos in deutschland gewesen zu sein, hinterlässt einen sehr bitteren geschmack: es stellt sich nicht als land dar, in dem man sich wohlfühlen könnte. die ereignisse des jahres und ihre begleitung in foren, kommentaren, diskussionen offenbaren eine außergewöhnliche, unerwartete aggression in den menschen, eine tief empfundene freudlosigkeit, einen groll gegen alles und jeden, das nicht mit der eigenen weltsicht übereinstimmt. Von den heftigen reaktionen auf den ukraine-konflikt und ihre mediale berichterstattung bis hin zu den entsetzlichen pegida-demonstrationen: es erscheint als ambivalentes verhältnis von ohnmächtigkeit und ermächtigung, kontrollverlust und kontrollsucht, abstiegsangst und besitzstandswahrung, das sich durch die gesamte gesellschaft zieht, politisch und medial vor- und aufbereitet: das verhältnis der gesellschaft zu sich selbst ist eines des zorns. ein beispiel, das für mich das ganze ausmaß an sozialer verstörung in diesem land bedeutet:

auf der abendlichen rückfahrt von berlin nach hamburg in einem ice, der ohne zwischenhalt die hauptbahnhöfe der größten deutschen städte verbinden soll, entscheidet sich der zugchef, zwei außerplanmäßige stops einzulegen. grund ist ein massiv verspäteter eurocity aus budapest nach amsterdam, dessen reisende seit über einer stunde in der mecklenburgischen, verregneten pampa herumstehen und die von unserem zug aufgenommen werden können für eine weiterreise nach hamburg, um dort einen anschlusszug nach amsterdam zu erreichen. der zugchef beendet seine durchsage mit der ankündigung, dass man aufgrund der zwischenstopps mit einer rund 10minütigen verspätung zu rechnen habe. nichts, was einen aus der ruhe bringen könnte, denke ich. doch die zugbegleiter, beim kontrollieren der fahrkarten, berichten anderes: sie sahen sich heftigen beschimpfungen und beleidigungen, beinah tätlichen angriffen ausgesetzt, da die reisenden der ersten klasse mit der entscheidung des zugchefs keineswegs einverstanden waren und massiv protest eingelegt haben. denn schließlich hätten sie für den schnelleren zug ohne zwischenhalt eine etwas teurere karte gekauft und ihre kundenrechte würden nun mit füßen getreten und es wäre eine unverschämtheit, dass ein serviceorientiertes unternehmen wie die bahn derart seine bereits bezahlten dienstleistungen vorsätzlich nicht erfüllen würde und es sei nicht hinzunehmen, dass ihnen nun eine verspätung drohen würde, die sie nicht finanziell ersetzt bekämen etc. kurz: die bahnbegleiter berichteten übereinstimmend von wütendem, asozialem verhalten und feudaler aggression der edlen in der ersten klasse, weil ihnen durch die aufnahme von 150 reisenden in einen halbleeren zug ein irreparabler schaden von 10 minuten entstehen würde. – es ist für mich nach wie vor nicht zu begreifen, welcher furor eine derartige lappalie, zudem für einen zu begrüßenden akt des sozialen, ausgelöst hat. beschimpfungen und androhung körperlicher gewalt für 10 minuten verspätung an einem (sonntag?) abend. selbstverständlich könnte aufgrund der verspätung der eine oder andere anschluss gefährdet sein und dadurch etwas wichtiges verpasst werden. doch der grund für die first-class-proteste bestand darin, dass sie durch die zwischenhalte ihre fahrgastrechte aufgekündigt sahen, denn durch den kauf eines tickets für einen haltfreien zug sei ein vertrag mit der bahn ag zustande gekommen, den diese nun willkürlich brechen würde, wofür die nun betrogenen kunden keinerlei entschädigung erhielten bzw.: reisende der ersten klasse fühlten sich ohnmächtig, da sie ungefragt auf rechtmäßig erworben ansprüche verzichten müssten, und drückten ihr fehlendes einverständnis dadurch aus, indem sie sich ermächtigten, die zugbegleiter stellvertretend für die gesamte bahn ag zu beileidigen und zu bedrohen. der zugchef ließ sich davon nicht beeidrucken, nahm 150 dankbare reisende auf – und erreichte hamburg trotzdem ohne verspätung.

diese kleine episode verdeutlicht für mich die aggressive asozialität in diesem land: eine gesellschaft, die auf (eingebildeter) exklusivität beruht; deren mitglieder sich hauptsächlich voneinander separieren; deren identität und selbstverständnis in der differenz zu anderen besteht; deren anspruch es ist, diese differenz als machtanspruch zu formulieren und diskriminierend gegen andere auszuüben, gegen jede logik sozialer selbstverständlichkeit.

in diesem jahr 2014 hat sich die gesellschaftliche differenz und aggressivität in deutschland massiv gezeigt. ob es der beschämende umgang mit flüchtlingen ist – politischer widerwille (boot ist voll), politische hässlichkeit (eu-außengrenzen), bürgerlicher widerstand (lampedusa) bis hin zu neuen brandanschlägen -; die seit 2000 jährlich bescheinigte und stetig voranschreitende spaltung im bildungsbereich – inexistente reaktionen auf bildungsstudien, inklusionsabwehrende diskussionen, groteske bevorzugung von gymnasien und hochschulen, benachteiligung deutscher staatsbürger mit ausländisch klingendem namen auf dem bildungs- und arbeitsmarkt -; das wilde wuchern von verschwörungstheorien nach 2001 und während der ukraine-krise; die ewige antimuslimische hetze in außergewöhnlich vielen medien und deren plötzliches erschrecken angesichts des aggressiven bürgertums der pegida-etc-bewegungen; die staatlich vorgeschlagene körperverletzung mittels sprachgebot der csu; der unverkrampfte atemlos-patriotismus in den fußballstadien – alles formen der machtausübung, der bürgerlichen ermächtigung gegenüber anders denkenden, anders lebenden, anders seienden. diese asozialisierung unserer gesellschaft hat eine jahrelange vorbereitung hinter sich: meilensteine sind die leitkultur-diskussion, die patriotismus-debatten um die wm 2006 (du bist deutschland, unverkrampfter nationalstolz), die diskussionen um hartz-iv-schmarotzer, thilo sarrazzins und akif pirinccis rassistisch-reaktionäre pamphlete, die debatte um arbeitsmigranten aus rumänien und bulgarien, das unwürdige feilschen um flüchtlinge aus syrien und afrika, das systematische begünstigen und schützen der nsu-mordserie durch den verfassungsschutz, die aktive unterstützung beim ausspionieren der gesamten globalen bevölkerung — seit jahren kann man in deutschland eine asozialisierung und destabilisierung der gesellschaft erleben. geprägt von neid, missgunst, der illusion von sicherheit, dem schüren von angst und propagierung trivialer lösungsmythen (vorrangig bildung, patriotismus, privatisierung) ist nun mit der unverholen rassistischen pegida-bewegung die gesellschaftliche krise im vor erschütterungen sicher gewähnten deutschland manifest.

wie darauf künstlerisch reagieren? wie lässt sich eine derart tief verwurzelte gesellschaftliche katastrophe, politisch, medial und wirtschaftlich vorangetrieben, angemessen darstellen? die erosionen des sozialen sind seit jahren bekannt, es sind auch bei weitem keine minderheiten mehr, die aggressiv auftreten und die gesellschaft bedrohen, sondern pegida ist eine zu tiefst bürgerliche sammelbewegung des aggressiv-spießigen, reaktionären, rassistischen und antimodernen. eine bewegung, die öffentlich das fordert, was verfassungsschutz und polizeiorgane jahrelang unter dem stichwort „bosporus“ seit jahren betrieben und gefördert haben. wie also diese selbstzerstörung der gesellschaft literarisch, cineastisch, theatral aufarbeiten?

19.10.2014

oft genug spreche ich mit jenny oder freunden oder während der arbeit im kurs mit den teilnehmern über fragen der ernährung, was ist richtig bzw was hält man dafür, was schmeckt und was nicht, wie wird es hergestellt und in den verkauf gebracht. ernährung, neben bildung, ist nicht nur biologisch eine notwendigkeit, sondern ein zentraler aspekt der lebensführung und damit ein wesentliches element der identität. ernährung ist ein statussymbol. und damit ein hervorragender indikator für die funktionsweise industriell geprägter gesellschaften: funktionsweise der ökonomie, der produktion, der politischen prozesse bis hin zu armee und kriegsführung, ebenso die individualisierung des essens anhand von ernährungsberatung, die konditionierung des essverhaltens anhand von ratgebern und diätprodukten, damit verbunden die psychologisierung des essens und die funktionalisierung der nahrung als nicht allein essen, sondern zugleich auch noch als medikament oder psychologische stimulanz. erstaunlich bleibt, wie fremd uns das essen tatsächlich ist: herkunft, herstellung bleiben meist unklar und die nahrungsaufnahme ist oft genug ein rein funktionaler vorgang, der möglichst gering im aufwand sein sollte. im (protestantisch geprägten) deutschland existiert eine lustfeindliche haltung zum essen.

ein befund, der alles andere als neu oder überraschend ist, über den ich allerdings heute erst wieder nachdachte aufgrund eines interviews auf spiegel.de. wenn man die esoterischen worthülsen wie „den signale des körpers zuhören“ oder „somatische intelligenz“ rauswirft, kommt man zu einer einfachen erkenntnis: wir verbinden essen mit funktionen, nicht mit lust. wobei „wir“ für einen großteil der menschen industrieller gesellschaften steht. dass man auf seinen körper achten sollte, um sein wohlbefinden zu steigern, ist eine plattitüde. tatsächlich ist es aber kaum möglich, denn der gesamte raum, in dem wir uns bewegen, ist dem funktionalen unterworfen bzw nach funktionalen gesichtspunkten entwickelt. ein beispiel meiner hamburger lebensrealität:

ich habe täglich kurse für erwachsene migranten von 9 uhr bis 14 uhr, 5 zeitstunden, 6 unterrichtsstunden. nach je 90 minuten gibt es eine pause von 15 minuten, das sind 2 mal 15 minuten. zeit für ein mittagessen, das mit einigermaßen genuss zu sich genommen werden könnte, ist nicht. die räume, in denen der kurs stattfindet, sind vollständig weiß an wänden und decken, grauer teppichfußboden, graues, grobes mobiliar, die stühle mit blauem polster bezogen. für alles gibt es entsprechende normen, deren einhaltung immer mal wieder überprüft werden kann. die kursteilnehmer haben zur hälfte kinder, von denen die meisten im kindergartenalter sind. die kurszeiten zu verändern, um etwa eine längere mittagspause einzulegen oder insgesamt veränderte anfangs- und endzeiten sind nicht möglich, weil die eltern ihre kinder bis 15 uhr von der kita abholen müssen, denn längere betreuung kostet geld, über das sie nicht verfügen. flexible kita-zeiten sind in deutschen staatlichen kitas nicht vorgesehen. womit für den tagesablauf konkrete, direkt ineinander greifende vorgänge vorgesehen sind, die sich nicht variieren lassen. ich beispielsweise bin kein frühaufsteher und kann mich seit 9 monaten nicht an den 7-uhr-rhythmus gewöhnen. eine stunde später wäre ideal, doch den kurs um eine stunde zu verschieben ist nicht möglich, denn die kinder müssen rechtzeitig abgeholt werden. für essen bleibt da kaum zeit, geschweige denn so etwas wie freude, lust und genuss. mein mittag esse ich also meist gegen halb 3 in der nähe eines bahnhofes, mal ein fischbrötchen, mal ein döner, immer in sicht- und hörweite zu verkehrsmitteln, die mich schnell vom ort der nahrungsaufnahme fortbringen können zum nächsten termin. unter diesen umständen ist es natürlich ein leichtes, auf die signale des körpers zu hören.

tatsächlich weiß ich, dass es genau diese lustfeindlichkeit und funktionalisierung ist, die genau wie meine kursteilnehmer auch mich immer wieder irritiert und verstört. „die leute lachen so wenig“, beobachten meine teilnehmer und enttäuschen immer wieder neu ihre illusionen von europa, die sie einmal irgendwo gehabt haben. so wie ich beispielsweise in ostkroatien. erst gestern habe ich einen alten text aus osijek von mir wiedergelesen, in dem es um die slawonische küche ging: ein kleiner junge bestellte nudeln ohne soße und erhielt ein volles 500g-Paket, ein riesiger berg auf seinem teller, viel zu viel für ihn, aber was für eine freude in seinen augen! essen als körperliche überwältigung. aber stets lustvoll. diese möglichkeiten der freude fehlen mir hier, dass ich nicht weiß, wie lange ich es ohne ertragen will.

22.07.2014

der absturz des fluges mh17 in der ostukraine und die nachfolgenden ereignisse sind die tragischsten und verstörendsten ereignisse in europa seit jahrzehnten. tragisch, denn es sind 298 menschen gestorben, die mit dem konflikt absolut nichts zu tun hatten: ihre tode sind vollkommen absurd. und verstörend, weil sich der krieg in der ostukraine durch den abschuss des passagierflugzeuges vollständig entgrenzt hat: eine wahnsinnige tat, die offenbar auf grausamer verwechslung beruht, führt zu zerwürfnissen, statt zu trost. es ist ein camus’scher akt: die sinngebung des absurden, hinter der alles andere verschwindet: gaza-israel, antisemitische auswüchse in europa, syrien, nigeria, insgesamt 50millionen flüchtlinge weltweit – nichts davon ist gelöst, wird versucht zu lösen. statt dessen streitet man um die deutungshoheit über die toten: denn das absurde hat nur insofern sinn, als dass man sich nicht mit ihm abfindet. und mit diesen 298 toten kann man sich natürlich nicht abfinden, es muss gründe, vor allem hintergründe geben, mit dem die katastrophe erklärbar, verstehbar, deutbar, nutzbar wird.

seit beginn der ukraine-krise, also seit den maidan-protesten, die zu einem blutigen umsturz führten, hat sich in der deutschen öffentlichkeit eine haltung entwickelt, die den bekannten hiesigen medien kritisch-ablehnend gegenübersteht. wofür die medien selbst einen gewissen teil mit beigetragen haben. doch scheint mir dieser teil inzwischen relativ gering, nach der kritik der berichterstattung im ukraine-konflikt durch die ehemalige ard-russland-korrespondentin krone-schmalz ist die berichterstattung sachlicher. doch die vehemente kritik in den sozialen internetmedien ist geblieben. jedoch scheint mir, dass diese sich nicht so sehr an die arbeit der journalisten selbst richtet, sondern an die in den meldungen transportierte haltung westlicher politiker: signifikant für vollkommen unglaubwürdige politik ist john kerrys reaktion auf den anschluss der krim an russland. und mit ihm verliert die deutsche politik eben auch ihre glaubwürdigkeit, wenn sie sich aus nato-bündnis- und wirtschaftlichen gründen oft genug auf die seite der amerikanischen politik stellt oder diese nur sehr zögerlich kritisiert, wenn es angebracht scheint, etwa im gesamten nsa-snowden-komplex. dieses missverhältnis im umgang mit den ehemaligen polen des kalten krieges ist evident und erklärbar – ebenso wie auch die im europäischen kontext zögerliche deutsche haltung zu sanktionsverschärfungen gegen russland auf verträgen und wirtschaftlichen abhängigkeiten beruht. doch für diese schieflage werden die medien bzw die klassischen, bekannten, überregionalen medien, die die meinungen der eigenen politiker oder kontroverse diskussionen über die grenzen hinweg abbilden, verantwortlich gemacht. für die gegenthesen der kritiker wird hingegen oft auf unabhängige blogs oder andere, deutlich weniger etablierte quellen verwiesen. und oft genug mit einem ebenso klaren gut-böse-schema, wie es den medien selbst vorgeworfen wird. ein beispiel unter hunderten, dieses von der taz-webseite:

Es wird immer klarer. Die ukrainische Luftwaffe benutzte die zivilen Flieger im Kampfgebiet als Deckung für militärische Luftfahrt, benutzte mithin die Passagiere als menschliche Schutzschilde. Und obendrein könnte es sein, dass das ukrainische Regime die zivilen Flugzeuge absichtlich über die Region fliegen ließ, um bei Gelegenheit mal eines davon abzuschießen und es Russland und der LVR/DVR in die Schuhe zu schieben.

(User PID, 22.07.2014, 12:52Uhr)

auffällig daran: es wirkt wie ein reflex, übermäßige kritik an der russischen politik in deutschen medien damit zu beantworten, indem ziemlich vorbehaltlos die russische sichtweise verteidigt wird. als sei die kritik an dieser nicht ebenso notwendig und berechtigt. sowohl außenpolitisch, da putin stets die territoriale integrität auch der ukraine verteidigt hat – was ihn jedoch nicht hinderte, mit enormer geschwindigkeit die krim an russland anzugliedern. ein klarer bruch der eigenen aussagen. und was sehr gern übersehen wird: innenpolitisch hat sich seit den wahlen 2011 einiges geändert. nur ein beispiel: während es uns in irkutsk bis 2011 problemlos möglich war, eine zweisprachige zeitung in irkutsk zu publizieren, bekam die russische mitherausgeberin ab 2012 regelmäßigen besuch des fsb und der klaren ansage, sämtliche russischsprachigen artikel vorab durchsehen zu lassen. ebenso wurde zugriff auf die kommunikation und die im internet zwischengespeicherten dateien verlangt. das war 2012. inzwischen sind 2 jahre vergangen, ein gesetz gegen fluchen in der öffentlichkeit (inkl. tv, film, zeitung etc) wurde erlassen, die möglichkeit über homosexualität aufzuklären unmöglich gemacht, teilnehmer an demonstrationen gegen putins politik verhaftet und verurteilt, die arbeit von ngos deutlich erschwert (agenten-gesetz), ein gesetz zur sperrung von internetseiten verabschiedet (wobei die formulierung sehr offen gehalten ist, was allerhand möglichkeiten im gebrauch lässt und typisch für restriktive gesetze ist) und seit neuestem die werbung für bezahlfernsehen verboten (was sich gegen unabhängige fernsehsender wie etwa „dozhd“ richtet). dinge, die leider keine anzeichen für eine offene, plurale gesellschaft und medienlandschaft in russland sind und in der deutschen öffentlichkeit gern übersehen werden, wenn das misstrauen gegenüber den eigenen medien zu groß wird. oder das unbehagen an der aussicht, dass es hier vielleicht nicht gut ist, doch andernorts eben auch nicht so schlecht sein kann, wie es dargestellt wird. oder an der perspektive, dass sich die ursachen und täter wohl nie zweifelsfrei ermitteln lassen werden. weil die verstörenden, absurden ereignisse zu sehr nach sinngebung verlangen: das absurde kann nur mit religiosität gelöscht werden.

27.06.2014

wahrscheinlich bin ich einfach zu lange aus diesem land raus gewesen. aber ich komme einfach nicht mehr rein. ich kapiere die leute einfach nicht. nicht wie sie ticken, nicht ihre anliegen und ihr weltverständnis.

soeben fuhren rund 4000 radfahrer am fenster vorbei. räder aller art, aus holz, tandems, große einräder etc. sah eigentlich toll aus. da gehts um was, dachte ich und suchte die fahrer nach botschaften ab, die sie durch eimsbüttel trugen. irgendwelche banner, symbole, leute mit flugblättern, irgendwas zum solidarisieren. radfahren gegen die flüchtlingspolitik, radfahren gegen atomkraft und für den frieden, meinetwegen auch radfahren für mehr zähneputzen in kitas. doch nach einer viertelstunde gab es immer noch keine spruchbänder, keine plakate, keine hinweise auf das anliegen. nur radfahrer. manche mit der deutschlandflagge am gepäckträger, wegen wm und patriotismus und so. nun, kurz und gut, wir sind im beschaulichen deutschland, im zutiefst bürgerlichen hamburg zumal, da entlädt sich auch schon mal lange aufgestaute empörung in beschaulichem drahteseltreten. was da an mir vorbeifuhr ist die CRITICAL MASS. jawohl, genau so nennen sie sich: die kritische masse. und sie protestiert in hamburg, berlin, leipzig und sonstnochwo. auf der hamburger webseite haben sie ein logo, dass die ANC-faust mit einem fahrrad kombiniert. ein politisch wirkendes symbol und ein fordernder name. allein: es geht um genau gar nichts. radfahrer sind verkehrsteilnehmer – das ist die „forderung“ der critical mass. exakt so, wie es in der straßenverkehrsordnung steht. wir sind in deutschland, da ist die positive bestätigung der verkehrsregeln der inhalt von protestbewegungen. und twitter quillt über vor begeisterten tweets, wie toll der ausflug wieder ist und wie irre viele mitmachen. also — blankes staunen.

Fahrräder zählen laut der Straßenverkehrsordnung ebenfalls zu den Fahrzeugen und gehören genauso dem Verkehr an wie Kraftfahrzeuge. […]

Die Critical Mass ist eine kreative Form des Straßenprotests, mit dem Radfahrer darauf aufmerksam machen möchten, dass sie ebenso wie motorisierte Fahrzeuge Teil des Straßenverkehrs sind.

sorry, ich verstehs einfach nicht. protest? gegen autos, echt jetzt noch? in städten mit super perfekt funktionierendem nahverkehrssystemen, wo an jeder verdammten haltestelle minutengenau bus und bahn angezeigt werden? da braucht es per facebook abgesprochene fahrrad-flashmobs, weil fahrräder ja sowieso selbstverständlich zum verkehr gehören? wow. in einer stadt mit massig radwegen wirklich ein heißes eisen. first world problems at its finest. welcome to germanistan.