Tief rot

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Der morgengerötete Himmel sei in der klaren Kälte besonders intensiv und auch deutlich kontrastreicher als im Sommer, sagte Sarah. Ich versuchte es mir vorzustellen und nickte. Rot sei, wie ich wisse, ihre Lieblingsfarbe. Ich blickte sie an und betrachtete ihre Augen, ihre Wangen, ihre geschminkten Lippen. Sie wusste, dass Rot mir nichts sagte, oder irgendeine andere Farbe, und nahm darauf zum Glück keine Rücksicht. Ein genetischer Defekt ließ meine Himmel und Gesichter aus unendlich vielen Grautönen bestehen. Trotzdem, oder deswegen, hatte ich das Gefühl, alles äußerst scharf zu sehen, hart und zweifellos. Der Kuss war ebenso deutlich.

nachts

mein verhältnis zur nacht, herrjeh, wenn ich das jetzt mal reflektieren soll, nun, ist irgendwie  von missgunst geprägt, wir verstehen uns nur so mittel, also ich gönne ihr keine sekunde meines daseins, ich verberge mich, ich meide sie, wann immer es möglich ist, ich verabscheue sie, weil ich bin ein mensch des lichts natürlich, der sonne, der evidenz, die nacht ist nur dafür da, überbrückt zu werden, sie stört und hält auf, sie geht mir auf die nerven, sie kotzt mich an, diese scheiß drecks nacht, uh wie ich dunkelheit verabscheue, es ist widerlich, ey, fick die oma man, leck mich am arsch, du hurennacht, du wirklich fies verschissene fickkackdrecksfotzendüsternis, du mieses a—

vom sinn des krieges

es muss immer eine lehre geben. nichts ist ohne moral. nichts ist ohne sinn. ohne bedeutung. ohne nutzen. aus allem lässt sich eine belehrung pressen, alles lässt sich sinnhaft ausquetschen, dass die essenz des ganzen heraustropft. die nützt, schützt, heilt. wie hustensaft gegen die unbill des daseins. nichts ist ohne belang. alles teilt etwas mit, bildet. und wenn es mal gar zu dumm wird, besetze ich es mit sinn. ich schreibe ja nicht umsonst, ich schreibe einen sinn drauf, kratze ihn rein, hole ihn raus aus den dingen, extrahiere ihn, abstrahiere ihn,  konstruiere ihn, ich bin doch nicht blöd. ich etikettiere alles sinnvoll, nützlich, bedeutend. nur so komme ich voran und am tal der tränen vorbei.
Foto: Essenz eines Spiegel-Artikels zum Krieg in Syrien, Oktober 2016.

dornröschenkammern

das silent-art-collectiv schafft klammheimlich verborgene orte, die man ohne weiteres übersehen darf, die aus dem stadtraum explizit ausgeschlossen sind, die man nicht betreten kann, die vergessen sind, ohne dass man sie vermissen würde. ohne jede aufmerksamkeit kaperte die gruppe zb ein altes verlassenes internetcafé, versiegelte es und gestaltete es so zum stillleben, zu einer ruine, zu einer dornröschenkammer um. die so geschaffenen kapellen des verblassens, vergehens und verschwindens sind nirgendwo verzeichnet, man begegnet ihnen zufällig oder niemals; monatlich verschwinden in der stadt mehrere dutzend orte auf diese weise, ohne dass man nach ihnen suchen könnte, sie sind auf ewig eingeschlafen.