erschütterte gesellschaft

Categories Germanistan0 Comments

mit dem ergebnis der heutigen bundestagswahl und dem – aus ihrer sicht triumphalen – einzug der rechtsradikalen partei afd ist auch dieses land zu einem normalen europäischen staat geworden. eine äußerst beunruhigende normalität: die europäische union besteht inzwischen aus einer ansammlung von ländern mit starken national gesinnten parteien, die entweder den politischen diskurs bestimmen (frankreich, österreich, großbritannien, auch spanien) oder ihn gar leiten (ungarn, polen, kroatien). stets aber sind die gesellschaften unruhig, es gibt massive demonstrationen und enorme soziale differenzen. diese erschütterungen, die fast überall aus hausgemachten ökonomischen krisen nach dem großen europäischen umbruch 1989/90 resultieren und in der wirtschaftskrise 2008 manifest wurden, haben sogenannte „zerrissene“ oder „gespaltene“ gesellschaften geschaffen, ähnlich dem cineastischen motiv der aufreißenden straßen nach einem erdbeben – wobei das bild des spaltes zwar anschaulich, doch maximal simplifizierend ist, als gäbe es ein eindeutiges gut und böse, links und rechts, die und wir etc. dichotomien eignen sich zur veranschaulichung, aber keineswegs zur erklärung.

in deutschland ist es nun also die anwesenheit einer offen rassistischen, demokratiefeindlichen, aggressiv national gesinnten und zutiefst bürgerlichen partei, die der anlass für den ewig gleichen kulturkampf ist: es ist keineswegs der breit ausgewalzte, talkshow-taugliche und sowieso inexistente „clash of cultures“ zwischen migranten und einheimischen – es ist der kampf um die hegemonie selbst: wer definiert das land, wer dominiert den staat und seine institutionen, wer bestimmt die debatte und den ideologischen kurs. es ist ein kampf um vorherrschaft, um medien, einfluss und wahrheit, ein kämpfen, das auf maximalen dissens ausgerichtet ist und stets kaputte gesellschaften zurück lässt. in deutschland ist seit dem beginn von pegida das bild des kulturlosen, antidemokratischen ostdeutschen wieder populär, und das außergewöhnlich hohe resultat der afd scheint dieses bild zu bestätigen.

tatsächlich hat das gesamte bundesgebiet die afd ins parlament gewählt, ob im ehemaligen westen, in hamburg oder bayern – die afd übersprang überall mühelos die 5%-hürde. den osten für die hohen werte der afd verantwortlich zu machen, ist wohlfeil – und spricht für eine haltung, die mit komplexen situationen und schwierigen lagen nicht anders umzugehen weiß, als in selbstgerechtigkeit und schuldzuweisung zu verfallen.

tatsächlich läuft die spaltung – sofern man es denn als solche bezeichnen möchte – zwischen wählern etablierter bürgerlicher parteien und dem extremen rechten bürgertum – dessen politischer arm afd nach wie vor als „populistisch“ verharmlost wird – ziemlich wild durch die gesellschaft. es gibt kaum soziologische befunde, wer etwa in hamburg aus welchen motiven afd wählt. das billige „abgehängtsein“ funktioniert nicht, denn die parteimitglieder sind bestens verdienende akademiker – und damit auch keineswegs die „mitte der gesellschaft“, sondern ihre erfolgreiche elite. die gesellschaftliche erosion beginnt also nicht im vielgeschmähten proletariat, sondern einmal mehr im bürgertum, das angeekelt in den osten blickt und die augen vor seinen eigenen extremen verschließt.

denn es existiert eine überakademisierung der politik. bürgerliche politiker geloben immer wieder die bildungsoffensive, mit der insbesondere eine akademisierungsoffensive gemeint ist – die aufnahme von kindertagesstätten in den bildungskanon oder gar das thema inklusive bildung findet sich in den parteien so gut wie gar nicht: bildung bedeutet hochschulbildung. doch immer wieder wird genau vor dieser überakademisierung gewarnt, denn die bevölkerung besteht nur zu einem drittel aus akademisch gebildeten – und bildung an sich ist kein auszeichen für weltoffenheit und toleranz, wie insbesondere afd, aber auch fdp und die leitkultur-gierige cdu/csu immer wieder beweisen. der höchst unausgewogen besetzte bundestag, der sich in seiner zusammensetzung nicht an der sozialstruktur des landes orientiert und zum großteil aus juristen besteht, ist signifikant für eine distanzierung des politischen von sich selbst, und das in ganz europa. eine untersuchung des vertrauensverlustes in das instrumentarium der demokratie sollte neben ökonomischen ursachen auch und gerade die bildungsentfernung der mandatsträger vom souverän ins auge fassen.

insbesondere in ostdeutschland bzw dem ehemals sozialistischen osteuropa, wo der akademisierungsgrad künstlich niedrig gehalten wurde und intellektuellenfeindlichkeit gefördert wurde, wird dies wahrgenommen als gesellschaftliche distanz. (übrigens ein grund dafür, dass die linke dort traditionell stark und die grünen ziemlich schlecht dastehen: die grünen in ihren ursprünglichen pullover-outfits versinnbildlichten idealtypisch den „arbeitsscheuen studenten“.) der afd gelang es ganz offenkundig, mit ihrem aggressiv ausländerfeindlichen, völkisch-nationalen, anti-elitären und auf egoismus ausgerichteten wahlkampf aus dieser distanz für sich kapital zu schlagen. daraus jedoch abzuleiten, dass es das geringere bildungsniveau im osten sei, das derartige zustände hervorbringt, auch der irrt auf seinem bildungsbürgerlichen ross. ein zentraler aspekt, der im verhältnis ost und west eine rolle spielt, wird nämlich oft übersehen: die schrumpfung der ostdeutschen bevölkerung. und damit die entwicklung einer extremen und sozial überforderten gesellschaft: die bevölkerung im erwerbsfähigen alter nimmt signifikant ab. während im westen die bevölkerung mehrheitlich wächst. die bevölkerung im osten verarmt und vereinsamt – ein klima für extreme positionen, zumal ihnen wie in sachsen wenig politischer gegenwind droht.

leider stehen in ganz europa nicht die zeiten auf besonnene analyse und schon keineswegs auf langfristige politische perspektiven, gar visionen. die politischen und ökonomischen erschütterungen der vergangenen jahre haben mit dem heutigen tag sämtliche europäischen länder erfasst. und die ankündigung des neu-nationalen afd-vorsitzenden gauland, merkel (und damit die demokratische verfasstheit des landes) zu „jagen“, lässt auf eine maximal destruktive strategie schließen. es wird ebenso laut und widerwärtig weitergehen, wie es in den vergangenen jahren zuging. und es ist an uns, dem so bestimmt wie möglich entgegen zu stehen und etwas anzubieten, um nicht die bereits entstandenen schäden noch zu vergrößern. auch und insbesondere für diejenigen ostdeutschen, die nicht für die neuen nazis gestimmt haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.