kurze Notiz zur Literatur in Deutschland

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Es scheint wahrlich eine abgedroschene Behauptung, dass die deutschsprachige Gegenwartsliteratur seit Jahren vom Roman dominiert wird. Und doch lässt sich diese offenbar völlig selbstverständliche Fixiertheit auf diese epische Textsorte und ihr metonymer Gebrauch als Literatur regelmäßig beobachten. So dieser Tage wieder beim Internetprojekt „Blogbuster 2017“, einem dieses Jahr erstmals zu vergebenden Preis von Literaturbloggern in Kooperation mit dem Klett-Cotta-Verlag. Es geht darum, „neue unkonventionelle Literatur [zu] entdecken“ bzw. gesucht wird „das literarische Nachwuchstalent“, wie vollmundig auf der Startseite verkündet wird. Der Begriff Literatur wird allerdings in den Teilnahmebedingungen drastisch eingeschränkt, da es in den Anforderungen an die Einsendungen heißt: „Angenommen werden ausschließlich deutschsprachige Prosa (Gegenwartsliteratur), kein [sic!] Genreliteratur, keine Mundart.“ Dieses lapidare Sätzchen ist alles, was der Blogbuster formal und inhaltlich als Kriterien formuliert (sonst ist stets nur von einem „Manuskript“ die Rede): deutschsprachige Gegenwartsprosa. Also im Grunde das, was sowieso überall und immer gesucht wird, also vollkommen unkonventionell. Und sowieso kann ein literarisches Nachwuchstalent nur in Prosa schreiben, gar keine Frage.

Und so grenzt die Bloggerin Mareike Fallwickl auf ihrem Blog „Bücherwurmloch“ noch weit vor Ende der Einsendefrist den Begriff Literatur ganz klar auf eine Textsorte ein – was für sie, die anderen Blogger und die Veranstalter offenbar unausgesprochen immer klar war: Romane und nichts als Romane. Bzw:

Schließlich muss ich einen Kandidaten finden, dessen Roman so feingeschliffen ist, dass er im besten Fall sogar gewinnen kann.

Irgendwer muss ihr gesagt haben, dass es um einen Roman geht, den sie finden soll, diesen einen Diamant, die Verlagsgoldader im dunklen Bergwerk Literatur. Und nach dem Ende der Einsendefrist sortiert sie alles Unpassende aus, auch wenn es noch so gut gewesen wäre. Es ist vermutlich einfach zu konventionell:

Leider musste ich einige Manuskripte aussortieren, weil sie nicht den Kriterien entsprachen (unter anderen auch eine Sammlung mit Erzählungen, die mir wahnsinnig gut gefallen hätte).

Zum Bereich deutschsprachige Gegenwartsprosa zählt nicht einmal eine Sammlung von Erzählungen, sie entsprechen nicht den (unbekannten) Kriterien des Preises. Welchen Wert hat ein solcher Preis, der Literatur nur in Romanform gelten lässt? Welchen Wert haben die vielen großen und kleinen Preise, die sich Literaturpreise nennen und dabei stets Prosa meinen, allen voran die Klagenfurter Tage der deutschsprachigen Literatur? Glaubt jemand ernsthaft, im Wettbewerb um einen Preis, der ursprünglich den Namen einer der wichtigsten Nachkriegsdichterin trug, auch nur je ein einziges Gedicht hören zu können?

Das ist keineswegs unkonventionell, sondern radikal. Und zwar radikal faul, armselig und arrogant.

Und zwar genauso faul, armselig und arrogant wie der großspurig benannte Deutsche Buchpreis, der ebenfalls ein reiner Roman-Preis ist. Dabei könnte man ihn tatsächlich als Buchpreis verstehen, der Bücher prämiert: also nicht nur Autoren und ihre Prosatexte, sondern ein besonders gelungenes, außergewöhnlich gestaltetes oder mit einer bemerkenswerten Entstehungsgeschichte verbundenes Buchwerk. Aber darum geht es ja gar nicht, sondern um ganz vordergründiges Marketing, so wie es Monika Maron kritisierte:

Es geht nicht um Literatur, sondern um die Verkäuflichkeit von Literatur ohne großen Aufwand, vom Stapel weg wie die neueste Single vom neuesten Superstar.

Literatur in ihrer Formenvielfalt und inhaltlichen Eigenartigkeit ist für diese Art von Aufmerksamkeitsbetrieb unerheblich, es scheint vollkommen selbstverständlich zu sein für eine der heterogensten Literaturlandschaften weltweit, Literatur mit dem Roman gleichzusetzen aus rein fiskalischem Interesse. Die deutschsprachige Buchbranche macht seit Jahren den Fehler, sich vor einem Gespenst (unverkäuflich!) zu ducken, das sie selbst geschaffen und genährt hat. Verlage und Literaturagenturen verweigern die Annahme von Erzählungen, da sie sich angeblich nicht verkauften. Lyrik ist ein Liebhaberprodukt enthusiastischer Kleinstverlage. Buchhändler bestätigen, dass die Leute nur Romane verlangen würden. Dramatische Gegenwartsliteratur ist in den Buchhandlungen gar nicht mehr erhältlich, ein völliges Nischenprodukt. Rezensenten winken ab, da sich Erzählbände schlechter rezensieren ließen. Dabei ist das nichts als Eitelkeit und Faulheit eines konservativen, an Literatur desinteressiertem Literaturbetriebes: Bestätigung der Gewohnheiten, Erhalt des Bestehenden. Wer wenn nicht Verlage, Agenturen und das Feuilleton wären in der Lage, die Vielfalt der Formen und Gattungen zu betonen und zu bewerben? Die Bloggerin Fallwickl äußerte sich begeistert über den aussortierten Erzählband, sie erreicht hunderte LeserInnen und potentielle Käufer mit ihren Empfehlungen, ist das zu unbedeutend in der romandurchtränkten Literaturbranche? Alice Munro schrieb nichts als Erzählungen und bekam den Nobelpreis – geschenkt. Wisla Szymborska schrieb fast ausschließlich Lyrik und erhielt den Nobelpreis – na gut. Raymond Carver und wie diesen ganzen Amis da heißen – liest doch eigentlich keiner (höchstens noch Judith Hermann, aber ihr hat man das Romaneschreiben dafür bitte zu verbieten). Karen Köhler – die alles bestätigende Anomalie. Kennt jemand außer Jan Wagner noch lebende deutschsprachige Lyriker? Hat jemand in den letzten Jahren Gegenwartsdramatik gelesen (nein, nicht Harry Potter)? Wer erkennt eine Novelle, wenn er eine sieht? Kann man sich César Aira als erfolgreichen deutschsprachigen Autor vorstellen? Oder einen heutigen Georg Büchner? (Der einzige existierende Wettbewerbspreis mit Geltung, der Prosa und Lyrik gleichberechtigt und gleichzeitig präsentiert, ist der Open Mike. Auf dass er lange lebe.)

Was ich mir vom Blogbuster-Preis erhofft hätte? Die eigenen Ankündigungen und Behauptungen ernst zu nehmen statt nur wieder eitlen Marketing-Sprech abzuliefern. Dass es um Literatur, um Unkonventionelles, um Formenreichtum, um Neugier und Entdeckung gegangen wäre. So aber lässt Klett-Cotta internet- und medienwirksam (Dennis Scheck!) einen Goldjungen oder eine Goldmarie aufspüren, um diese dann ordentlich zu verheizen. Germany’s next Topautor? Belehrt mich eines Besseren.

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