Claire Keegan – Das dritte Licht

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Eine ganz großartige Erzählung ist das, eine long short story, wie es die Autorin selbst nennt. Eine einfache, vorsichtige doch klare Sprache, in der man ganz unerwartet zu Hause ist wie das Mädchen bei ihrer Gastfamilie. Irgendwann in den 1980er Jahren im ländlichen Irland setzt der Vater die Tochter bei Verwandten ab, sie solle dort bleiben so lang wie nötig; die Mutter ist erneut schwanger (das sechste Kind), der Vater ist Kesselflicker, wortkarg und rau im Umgang. Bei den kinderlosen Verwandten John und Edna Kinsella erfährt das Mädchen Zuneigung und liebevolle Aufmerksamkeit. Anfänglich noch von den beiden Erwachsenen behandelt wie von anderen auch – „Das verstehst du noch nicht“ – wird sie immer mehr aufgenommen in den Alltag der Kinsellas, ob beim Kartenspiel oder bei einer Totenwache, das Mädchen gehört ganz selbstverständlich dazu. Bis sie wieder nach Hause muss.
Die Leichtigkeit, Intensität und Vielschichtigkeit, mit der diese Geschichte erzählt wird, ist beeindruckend. Sowohl sprachlich, als auch kompositorisch. So die Schilderung einer Totenwache, bei der sie sich an den Gastvater lehnt, ein Moment größter Vertrautheit, eingerahmt ist dies von der zweifachen Begegnung mit einer umher irrenden Färse, also einer jungen, erstmals schwangeren Kuh – eine Metapher für die Ortlosigkeit des Mädchens. Auch ihre Gasteltern erleben die Zeit mit dem jungen Ding als außergewöhnlich, insbesondere der Vater verarbeitet mit dem Mädchen den Verlust des Sohnes. Es ist eine sehr intensive, wundervolle Erzählung.
Die 1968 geborene Claire Keegan hat für die 2010 unter dem Titel Foster erschienene Erzählung den Davy Byrnes Irish Writing Award erhalten, zuvor für die beiden Bände Antarctica und Walk the blue fields eine Reihe anderer Auszeichnungen, darunter den Rooney Prize for Irish Literature, einem renommierten Nachwuchsförderpreis.
Die Erzählung Das dritte Licht ist in der Übersetzung von Hans-Christian Oeser zuerst im Steidl-Verlag, jetzt als Taschenbuch im Unionsverlag Zürich erschienen.

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