18.06.2015

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tomislav erzählt von tito

 

ich bin vielleicht der einzige hier, der noch zu ihm hält. weißt, ich bin sammler, ich sammle jugoslawische reliquien, völlig harm- und wertloses zeug also. kennste den, kommt ein kommunist in die hölle und findet dort alles chaotisch. er beschwert sich bei luzifer, so gehe das nicht, und räumt also ordentlich auf, neue uniformen, straffes regime, planwirtschaft etc, luzi steht voll drauf. nach einer weile kommt gott vorbei, weil er bemerkt hat, dass da unten was geschehen ist. sagt luzi, das sei der kommunist, der bringe völlig neuen zug in die sache. ob er sich den mal ausborgen könne, fragt gott, er wolle das auch probieren, nur für kurze zeit. könne er. nach zwei monaten klopft luzifer an die himmelspforte und fragt gott, ob er doch bitte seinen kommunisten zurückhaben dürfe. sagt gott: erstens nennst du mich genosse, und zweitens gibts mich gar nicht. weißt, so einer bin ich. tito war sicher kein guter mann, hat aber in der jugoslawischen hölle versucht aufzuräumen, bis er abgekratzt ist. so richtig ist ihm das nicht gelungen, schon klar, nach ihm wars vorbei mit der ruhe. erst verschwanden die witze, dann die pionierzeitungen, schließlich die tito-büsten aus den wohnungen und büros. die wurden in nordkroatien hergestellt, bei varaždin, mittelmäßiges bronze, sind heute nicht mehr zu bekommen, wurden alle eingeschmolzen und zu munition verarbeitet. die serben und kroaten haben sich gegenseitig mit kleinen titos abgeknallt, so waren die drauf. der nachbar meiner eltern, bei brčko, sah, als es 91 losging, leute aus dem dorf mit gewehren durch die straßen rennen. er hatte noch eine partisanenuniform seines großvaters im schrank, riesenfehler, war nicht die zeit für sentimentales. und den kleinen josip broz aufm tv, der hatte alle erschütterungen bis dahin kommentarlos überstanden, kuba, prag, vietnam, afghanistan, gorbatschow – aber gegen die bande da unten hatte er keine chance. mein nachbar wusste, die kommen sie holen, den josip schmelzen sie ein und ihm selbst geben sie ne neue uniform und ein neues gewehr. mit dem hätten sie ihn notfalls abgeknallt, wenn er nicht kooperiert hätte. also sieht er für sich keinen ausweg, aber die statue will er retten, wirft sie nach hinten raus aus dem fenster, so weit wie geht, an den ackerrand in ein gebüsch. und dann zog er frisch gekleidet in den krieg und kam nie wieder. das ist traurig? na gut, reden wir über titten! z.b. die meiner oma, die hatten schon einiges hinter sich, als sie an diesem nachmittag beim würzen der bohnensuppe tito durch die luft fliegen sah, und am abend in aller stille über den acker zum gebüsch lief. sie barg den kleinen, nackten, kalten kerl unter der bluse an ihrer großen, warmen, schlaffen brust und trug ihn heim und sorgte mehrere jahre für ihn. dazu sorgte sie sich um meinen vater, der mit dem nachbarn rekrutiert worden war. dessen haus wurde von granaten zerlegt, das haus von oma und tito bekam nur ein paar gewehrspritzer ab. und als ich exilant 2002 zurückkehrte, gab sie ihn mir in einem augenblick, als mein vater nicht hinsah. so einfach ist das. wie einen staffelstab. er steht auf meinem schreibtisch und mein vater hasst ihn und mich. er sagt, er habe fast sein leben gegeben und ich ruiniere alles, ich käme ganz sicher in die hölle. ich, was soll ich sagen, freue mich.

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