18.12.2014

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die ereignisse des zu ende gehenden jahres sind mit künstlerischen mitteln, literarischen zumal, kaum zu fassen. das gesamte jahr 2014 fast pausenlos in deutschland gewesen zu sein, hinterlässt einen sehr bitteren geschmack: es stellt sich nicht als land dar, in dem man sich wohlfühlen könnte. die ereignisse des jahres und ihre begleitung in foren, kommentaren, diskussionen offenbaren eine außergewöhnliche, unerwartete aggression in den menschen, eine tief empfundene freudlosigkeit, einen groll gegen alles und jeden, das nicht mit der eigenen weltsicht übereinstimmt. Von den heftigen reaktionen auf den ukraine-konflikt und ihre mediale berichterstattung bis hin zu den entsetzlichen pegida-demonstrationen: es erscheint als ambivalentes verhältnis von ohnmächtigkeit und ermächtigung, kontrollverlust und kontrollsucht, abstiegsangst und besitzstandswahrung, das sich durch die gesamte gesellschaft zieht, politisch und medial vor- und aufbereitet: das verhältnis der gesellschaft zu sich selbst ist eines des zorns. ein beispiel, das für mich das ganze ausmaß an sozialer verstörung in diesem land bedeutet:

auf der abendlichen rückfahrt von berlin nach hamburg in einem ice, der ohne zwischenhalt die hauptbahnhöfe der größten deutschen städte verbinden soll, entscheidet sich der zugchef, zwei außerplanmäßige stops einzulegen. grund ist ein massiv verspäteter eurocity aus budapest nach amsterdam, dessen reisende seit über einer stunde in der mecklenburgischen, verregneten pampa herumstehen und die von unserem zug aufgenommen werden können für eine weiterreise nach hamburg, um dort einen anschlusszug nach amsterdam zu erreichen. der zugchef beendet seine durchsage mit der ankündigung, dass man aufgrund der zwischenstopps mit einer rund 10minütigen verspätung zu rechnen habe. nichts, was einen aus der ruhe bringen könnte, denke ich. doch die zugbegleiter, beim kontrollieren der fahrkarten, berichten anderes: sie sahen sich heftigen beschimpfungen und beleidigungen, beinah tätlichen angriffen ausgesetzt, da die reisenden der ersten klasse mit der entscheidung des zugchefs keineswegs einverstanden waren und massiv protest eingelegt haben. denn schließlich hätten sie für den schnelleren zug ohne zwischenhalt eine etwas teurere karte gekauft und ihre kundenrechte würden nun mit füßen getreten und es wäre eine unverschämtheit, dass ein serviceorientiertes unternehmen wie die bahn derart seine bereits bezahlten dienstleistungen vorsätzlich nicht erfüllen würde und es sei nicht hinzunehmen, dass ihnen nun eine verspätung drohen würde, die sie nicht finanziell ersetzt bekämen etc. kurz: die bahnbegleiter berichteten übereinstimmend von wütendem, asozialem verhalten und feudaler aggression der edlen in der ersten klasse, weil ihnen durch die aufnahme von 150 reisenden in einen halbleeren zug ein irreparabler schaden von 10 minuten entstehen würde. – es ist für mich nach wie vor nicht zu begreifen, welcher furor eine derartige lappalie, zudem für einen zu begrüßenden akt des sozialen, ausgelöst hat. beschimpfungen und androhung körperlicher gewalt für 10 minuten verspätung an einem (sonntag?) abend. selbstverständlich könnte aufgrund der verspätung der eine oder andere anschluss gefährdet sein und dadurch etwas wichtiges verpasst werden. doch der grund für die first-class-proteste bestand darin, dass sie durch die zwischenhalte ihre fahrgastrechte aufgekündigt sahen, denn durch den kauf eines tickets für einen haltfreien zug sei ein vertrag mit der bahn ag zustande gekommen, den diese nun willkürlich brechen würde, wofür die nun betrogenen kunden keinerlei entschädigung erhielten bzw.: reisende der ersten klasse fühlten sich ohnmächtig, da sie ungefragt auf rechtmäßig erworben ansprüche verzichten müssten, und drückten ihr fehlendes einverständnis dadurch aus, indem sie sich ermächtigten, die zugbegleiter stellvertretend für die gesamte bahn ag zu beileidigen und zu bedrohen. der zugchef ließ sich davon nicht beeidrucken, nahm 150 dankbare reisende auf – und erreichte hamburg trotzdem ohne verspätung.

diese kleine episode verdeutlicht für mich die aggressive asozialität in diesem land: eine gesellschaft, die auf (eingebildeter) exklusivität beruht; deren mitglieder sich hauptsächlich voneinander separieren; deren identität und selbstverständnis in der differenz zu anderen besteht; deren anspruch es ist, diese differenz als machtanspruch zu formulieren und diskriminierend gegen andere auszuüben, gegen jede logik sozialer selbstverständlichkeit.

in diesem jahr 2014 hat sich die gesellschaftliche differenz und aggressivität in deutschland massiv gezeigt. ob es der beschämende umgang mit flüchtlingen ist – politischer widerwille (boot ist voll), politische hässlichkeit (eu-außengrenzen), bürgerlicher widerstand (lampedusa) bis hin zu neuen brandanschlägen -; die seit 2000 jährlich bescheinigte und stetig voranschreitende spaltung im bildungsbereich – inexistente reaktionen auf bildungsstudien, inklusionsabwehrende diskussionen, groteske bevorzugung von gymnasien und hochschulen, benachteiligung deutscher staatsbürger mit ausländisch klingendem namen auf dem bildungs- und arbeitsmarkt -; das wilde wuchern von verschwörungstheorien nach 2001 und während der ukraine-krise; die ewige antimuslimische hetze in außergewöhnlich vielen medien und deren plötzliches erschrecken angesichts des aggressiven bürgertums der pegida-etc-bewegungen; die staatlich vorgeschlagene körperverletzung mittels sprachgebot der csu; der unverkrampfte atemlos-patriotismus in den fußballstadien – alles formen der machtausübung, der bürgerlichen ermächtigung gegenüber anders denkenden, anders lebenden, anders seienden. diese asozialisierung unserer gesellschaft hat eine jahrelange vorbereitung hinter sich: meilensteine sind die leitkultur-diskussion, die patriotismus-debatten um die wm 2006 (du bist deutschland, unverkrampfter nationalstolz), die diskussionen um hartz-iv-schmarotzer, thilo sarrazzins und akif pirinccis rassistisch-reaktionäre pamphlete, die debatte um arbeitsmigranten aus rumänien und bulgarien, das unwürdige feilschen um flüchtlinge aus syrien und afrika, das systematische begünstigen und schützen der nsu-mordserie durch den verfassungsschutz, die aktive unterstützung beim ausspionieren der gesamten globalen bevölkerung — seit jahren kann man in deutschland eine asozialisierung und destabilisierung der gesellschaft erleben. geprägt von neid, missgunst, der illusion von sicherheit, dem schüren von angst und propagierung trivialer lösungsmythen (vorrangig bildung, patriotismus, privatisierung) ist nun mit der unverholen rassistischen pegida-bewegung die gesellschaftliche krise im vor erschütterungen sicher gewähnten deutschland manifest.

wie darauf künstlerisch reagieren? wie lässt sich eine derart tief verwurzelte gesellschaftliche katastrophe, politisch, medial und wirtschaftlich vorangetrieben, angemessen darstellen? die erosionen des sozialen sind seit jahren bekannt, es sind auch bei weitem keine minderheiten mehr, die aggressiv auftreten und die gesellschaft bedrohen, sondern pegida ist eine zu tiefst bürgerliche sammelbewegung des aggressiv-spießigen, reaktionären, rassistischen und antimodernen. eine bewegung, die öffentlich das fordert, was verfassungsschutz und polizeiorgane jahrelang unter dem stichwort „bosporus“ seit jahren betrieben und gefördert haben. wie also diese selbstzerstörung der gesellschaft literarisch, cineastisch, theatral aufarbeiten?

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