22.07.2014

Categories Germanistan, Landschaft0 Comments

der absturz des fluges mh17 in der ostukraine und die nachfolgenden ereignisse sind die tragischsten und verstörendsten ereignisse in europa seit jahrzehnten. tragisch, denn es sind 298 menschen gestorben, die mit dem konflikt absolut nichts zu tun hatten: ihre tode sind vollkommen absurd. und verstörend, weil sich der krieg in der ostukraine durch den abschuss des passagierflugzeuges vollständig entgrenzt hat: eine wahnsinnige tat, die offenbar auf grausamer verwechslung beruht, führt zu zerwürfnissen, statt zu trost. es ist ein camus’scher akt: die sinngebung des absurden, hinter der alles andere verschwindet: gaza-israel, antisemitische auswüchse in europa, syrien, nigeria, insgesamt 50millionen flüchtlinge weltweit – nichts davon ist gelöst, wird versucht zu lösen. statt dessen streitet man um die deutungshoheit über die toten: denn das absurde hat nur insofern sinn, als dass man sich nicht mit ihm abfindet. und mit diesen 298 toten kann man sich natürlich nicht abfinden, es muss gründe, vor allem hintergründe geben, mit dem die katastrophe erklärbar, verstehbar, deutbar, nutzbar wird.

seit beginn der ukraine-krise, also seit den maidan-protesten, die zu einem blutigen umsturz führten, hat sich in der deutschen öffentlichkeit eine haltung entwickelt, die den bekannten hiesigen medien kritisch-ablehnend gegenübersteht. wofür die medien selbst einen gewissen teil mit beigetragen haben. doch scheint mir dieser teil inzwischen relativ gering, nach der kritik der berichterstattung im ukraine-konflikt durch die ehemalige ard-russland-korrespondentin krone-schmalz ist die berichterstattung sachlicher. doch die vehemente kritik in den sozialen internetmedien ist geblieben. jedoch scheint mir, dass diese sich nicht so sehr an die arbeit der journalisten selbst richtet, sondern an die in den meldungen transportierte haltung westlicher politiker: signifikant für vollkommen unglaubwürdige politik ist john kerrys reaktion auf den anschluss der krim an russland. und mit ihm verliert die deutsche politik eben auch ihre glaubwürdigkeit, wenn sie sich aus nato-bündnis- und wirtschaftlichen gründen oft genug auf die seite der amerikanischen politik stellt oder diese nur sehr zögerlich kritisiert, wenn es angebracht scheint, etwa im gesamten nsa-snowden-komplex. dieses missverhältnis im umgang mit den ehemaligen polen des kalten krieges ist evident und erklärbar – ebenso wie auch die im europäischen kontext zögerliche deutsche haltung zu sanktionsverschärfungen gegen russland auf verträgen und wirtschaftlichen abhängigkeiten beruht. doch für diese schieflage werden die medien bzw die klassischen, bekannten, überregionalen medien, die die meinungen der eigenen politiker oder kontroverse diskussionen über die grenzen hinweg abbilden, verantwortlich gemacht. für die gegenthesen der kritiker wird hingegen oft auf unabhängige blogs oder andere, deutlich weniger etablierte quellen verwiesen. und oft genug mit einem ebenso klaren gut-böse-schema, wie es den medien selbst vorgeworfen wird. ein beispiel unter hunderten, dieses von der taz-webseite:

Es wird immer klarer. Die ukrainische Luftwaffe benutzte die zivilen Flieger im Kampfgebiet als Deckung für militärische Luftfahrt, benutzte mithin die Passagiere als menschliche Schutzschilde. Und obendrein könnte es sein, dass das ukrainische Regime die zivilen Flugzeuge absichtlich über die Region fliegen ließ, um bei Gelegenheit mal eines davon abzuschießen und es Russland und der LVR/DVR in die Schuhe zu schieben.

(User PID, 22.07.2014, 12:52Uhr)

auffällig daran: es wirkt wie ein reflex, übermäßige kritik an der russischen politik in deutschen medien damit zu beantworten, indem ziemlich vorbehaltlos die russische sichtweise verteidigt wird. als sei die kritik an dieser nicht ebenso notwendig und berechtigt. sowohl außenpolitisch, da putin stets die territoriale integrität auch der ukraine verteidigt hat – was ihn jedoch nicht hinderte, mit enormer geschwindigkeit die krim an russland anzugliedern. ein klarer bruch der eigenen aussagen. und was sehr gern übersehen wird: innenpolitisch hat sich seit den wahlen 2011 einiges geändert. nur ein beispiel: während es uns in irkutsk bis 2011 problemlos möglich war, eine zweisprachige zeitung in irkutsk zu publizieren, bekam die russische mitherausgeberin ab 2012 regelmäßigen besuch des fsb und der klaren ansage, sämtliche russischsprachigen artikel vorab durchsehen zu lassen. ebenso wurde zugriff auf die kommunikation und die im internet zwischengespeicherten dateien verlangt. das war 2012. inzwischen sind 2 jahre vergangen, ein gesetz gegen fluchen in der öffentlichkeit (inkl. tv, film, zeitung etc) wurde erlassen, die möglichkeit über homosexualität aufzuklären unmöglich gemacht, teilnehmer an demonstrationen gegen putins politik verhaftet und verurteilt, die arbeit von ngos deutlich erschwert (agenten-gesetz), ein gesetz zur sperrung von internetseiten verabschiedet (wobei die formulierung sehr offen gehalten ist, was allerhand möglichkeiten im gebrauch lässt und typisch für restriktive gesetze ist) und seit neuestem die werbung für bezahlfernsehen verboten (was sich gegen unabhängige fernsehsender wie etwa „dozhd“ richtet). dinge, die leider keine anzeichen für eine offene, plurale gesellschaft und medienlandschaft in russland sind und in der deutschen öffentlichkeit gern übersehen werden, wenn das misstrauen gegenüber den eigenen medien zu groß wird. oder das unbehagen an der aussicht, dass es hier vielleicht nicht gut ist, doch andernorts eben auch nicht so schlecht sein kann, wie es dargestellt wird. oder an der perspektive, dass sich die ursachen und täter wohl nie zweifelsfrei ermitteln lassen werden. weil die verstörenden, absurden ereignisse zu sehr nach sinngebung verlangen: das absurde kann nur mit religiosität gelöscht werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.