27.06.2014

Categories Germanistan7 Comments

wahrscheinlich bin ich einfach zu lange aus diesem land raus gewesen. aber ich komme einfach nicht mehr rein. ich kapiere die leute einfach nicht. nicht wie sie ticken, nicht ihre anliegen und ihr weltverständnis.

soeben fuhren rund 4000 radfahrer am fenster vorbei. räder aller art, aus holz, tandems, große einräder etc. sah eigentlich toll aus. da gehts um was, dachte ich und suchte die fahrer nach botschaften ab, die sie durch eimsbüttel trugen. irgendwelche banner, symbole, leute mit flugblättern, irgendwas zum solidarisieren. radfahren gegen die flüchtlingspolitik, radfahren gegen atomkraft und für den frieden, meinetwegen auch radfahren für mehr zähneputzen in kitas. doch nach einer viertelstunde gab es immer noch keine spruchbänder, keine plakate, keine hinweise auf das anliegen. nur radfahrer. manche mit der deutschlandflagge am gepäckträger, wegen wm und patriotismus und so. nun, kurz und gut, wir sind im beschaulichen deutschland, im zutiefst bürgerlichen hamburg zumal, da entlädt sich auch schon mal lange aufgestaute empörung in beschaulichem drahteseltreten. was da an mir vorbeifuhr ist die CRITICAL MASS. jawohl, genau so nennen sie sich: die kritische masse. und sie protestiert in hamburg, berlin, leipzig und sonstnochwo. auf der hamburger webseite haben sie ein logo, dass die ANC-faust mit einem fahrrad kombiniert. ein politisch wirkendes symbol und ein fordernder name. allein: es geht um genau gar nichts. radfahrer sind verkehrsteilnehmer – das ist die „forderung“ der critical mass. exakt so, wie es in der straßenverkehrsordnung steht. wir sind in deutschland, da ist die positive bestätigung der verkehrsregeln der inhalt von protestbewegungen. und twitter quillt über vor begeisterten tweets, wie toll der ausflug wieder ist und wie irre viele mitmachen. also — blankes staunen.

Fahrräder zählen laut der Straßenverkehrsordnung ebenfalls zu den Fahrzeugen und gehören genauso dem Verkehr an wie Kraftfahrzeuge. […]

Die Critical Mass ist eine kreative Form des Straßenprotests, mit dem Radfahrer darauf aufmerksam machen möchten, dass sie ebenso wie motorisierte Fahrzeuge Teil des Straßenverkehrs sind.

sorry, ich verstehs einfach nicht. protest? gegen autos, echt jetzt noch? in städten mit super perfekt funktionierendem nahverkehrssystemen, wo an jeder verdammten haltestelle minutengenau bus und bahn angezeigt werden? da braucht es per facebook abgesprochene fahrrad-flashmobs, weil fahrräder ja sowieso selbstverständlich zum verkehr gehören? wow. in einer stadt mit massig radwegen wirklich ein heißes eisen. first world problems at its finest. welcome to germanistan.

7 thoughts on “27.06.2014

  1. Critical Mass ist eine völlig okaye Sache. Leute treffen sich und nehmen sich ihr Recht auf Stadt. Nicht mehr und nicht weniger. In HH (und in vielen anderen Städten auch) wird trotz der vielen Radwege sehr viel geopfert, um die Stadt vor allem für Autos gangbar zu halten. Die Teilnehmer nutzen den Umstand, dass man ab X Teilnehmern eine „Critical Mass“ darstellt und sich diese massive Fläche, die eigentlich der Mehrheit „Autofahrer“ zur Verfügung gestellt wird, für einen beschränkten Zeitraum zurücknimmt. Ein Spass für alle Beteiligten, eine angenehme Abwechslung für die ansonsten im Dauerstrassenrauschen lebenden Anwohner, ein Moment der die Gegebenheiten zeitweilig auf den Kopf stellt. Das ist nicht viel, aber es ist allemal besser als dumpf Fussball zu schauen und die Emotionen anderer zu tanken, um sich selbst wenigstens für einen Moment gut zu fühlen, oder ein anderes Unterhaltungsangebot in Kauf zu nehmen und in die ewige Konsumentenrolle hineinzusacken. Das schreibt einer, der eine Zeit lang in HH Kurier gefahren ist, einen Roman darüber geschrieben hat, der im Herbst veröffentlicht wird, längst nicht mehr in HH lebt, nie an einer Critical Mass teilgenommen hat, sich das aber immer mal wieder vornimmt, wobei es meistens auch aufregendere, bessere, wichtigere oder bequemere Dinge gibt, die sich mit der Zeit anfangen lassen.

    1. Es ist ja alles nachvollziehbar und genau niemand hat etwas gegen Fahrräder auf der Straße. Allerdings halte ich die Attitüde des hochpolitischen Protests (der Name, die geballte Faust) und die Ernsthaftigkeit mit der da Rad gefahren wird, für sehr albern bis lächerlich. Diese Haltung des sich selber große Bedeutung Zuschreibens, wo es doch nur um Radfahren geht, ist etwas, das mich sehr befremdet und ein Stückweit amüsiert. Mal abgesehen davon, dass keine noch so legitime Sache an Wert gewinnt, wenn man sie als „etwas Besseres“ über andere Sachen stellt, die man selbst nicht mag. Das schreibt jemand, der gern Rad fährt, guten ÖVP sehr schätzt und selbst kein Auto besitzt.

      1. Der Name stammt vermutlich aus der Physik, klingt einfach gut und erhebt bestimmt nicht den Anspruch, dass diese paar Leute sich als die „Kritischen“ aus der dumpfen Masse herausheben. Die Faust finde ich verhältnismäßig dezent gesetzt. Man müsste es überprüfen, aber ich vermute, kaum ein Teilnehmer geht davon aus, er würde für eine neue Weltordnung in die Pedale treten. Mich amüsieren Leute die sich selbst zu wichtig nehmen bisweilen auch. Ich schüttle den Kopf aber eher über Demonstrationen wegen der Eröffnung eines temporären Barbiemuseums, oder angesichts der rotwangigen Entrüstungsstürme wegen einer selbstgerechten Polemik über Homophobie. Im Vergleich finde ich die Art wie wir uns im Alltag fortbewegen schon ein wesentlicheres Thema. Seit den 60igern gehören unsere Städte den Autos, das Prinzip Autostadt hat definitiv seine Grenzen erreicht, ein radikales Umdenken findet nicht statt, lediglich kosmetische Oberflächenlösungen. Aber warum nicht wegen einer Critical Mass befremdet sein? Entrüstung für alle! Dir deine, mir meine.

  2. Keine Frage, die Idee einer autogerechten Stadt ist schon längst überholt, wird aber auch von keiner Kommune Deutschlands mehr verfolgt, im Gegenteil ist nach meiner Beobachtung seit 1990 sehr viel getan worden, um den Verkehr in den Städten autoärmer zu machen und damit vielfältiger und sicherer. Zumal in Deutschland seit Jahren sinkende Autoverkaufszahlen zu verzeichnen sind, sinkende Unfallzahlen (2013 gab es vier Städte ohne Verkehrstoten) und stetig steigender/ausgebauter ÖVP. Es weren stetig neue Radwege gebaut, Zonen mit Tempolimit erweitert – ich denke einfach, dem Verkehr in diesem Land geht es ausgesprochen gut. Es ginge immer noch etwas besser, aber ich sehe den Anlass der Beschwerde nicht. (Im Gegensatz etwa bei Homophobie, die eine Art der Fremdenfeindlichkeit ist, welcher stets wiedersprochen werden sollte.) Insbesondere im Vergleich zu den vielen Städten, die ich erlebt habe, in denen eine kritische Masse sehr wohl sinnvoll wäre.
    Aber das Drolligste an der hiesigen Critical Mass ist wohl: sie stört keinen… 😉

    1. Ich glaube wirklich nicht, dass bei den Teilnehmern der Protest im Zentrum steht. In erster Linie geht es um Spass. Kaum einer wird dabei sein, um stören zu wollen oder weil er denkt, die Sache wäre besonders sinnvoll. Die politischen Aspekte sind sicher auch da, mancher wird sich daran aufgeilen oder Rechte für Radfahrer für das wichtigste der Welt halten, aber in erster Linie sind es die Medien, die an dem Haken gerne anbeißen. Inwieweit Deutschland hier vorbildlich ist, sei trotzdem dahingestellt. Die Anpassungen liefen sehr träge und nach wie vor weiß ich von keiner deutschen Kommune, in der Autofreiheit radikal gedacht wird. Insofern halte ich solche Aktionen auch über den Spassanteil hinaus für erhellend. Ich gebe hier mal eine Erfahrung aus meiner Wahlheimat wieder: Hier schneidet eine sehr viel befahrene, zweispurige Strasse etliche Küstenvororte von der Küste ab. Erst im Rahmen diverser Events, bei denen die Strasse ca. viermal jährlich für ein paar Stunden gesperrt wird, ist mir klar geworden, wie viel diesem viele Bevölkerungsschichten ausschließenden Mobilitätskonzept geopfert wird. Der Effekt ist fast magisch. Die ganze Region ist eine komplett andere. Die Lärmbelästigung, an die wir uns längst gewöhnt haben, ist derart massiv, dass die Stille danach alles verändert. Es ist so viel besser. Und entsprechend ist in unseren Städten noch sehr viel Luft nach oben. Das Verhältnis von Stadtgebieten mit zu dem ohne Verkehr ist weit davon entfern ausgeglichen zu sein, und nach wie vor wird das Auto in Deutschland wie ein goldenes Kalb behandelt.
      Ich glaube mit Homophobie fangen wir hier besser überhaupt nicht an. Das ist eine andere Geschichte… Gruß!

      1. Wenns keiner war, waren es die Medien? Das ist deutlich zu einfach, schließlich stehen Konzept und Anliegen auf den CM-Webseiten. Oder hier mit den Worte einer protestierenden, sich explizit politisch verstehenden Radfahrerin: http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/auf-dem-fahrrad-in-eine-bessere-welt
        Wie gesagt, ich bin weder gegen das Anliegen noch die Idee, ich halte es allerdings für leidlich übertrieben und verbissen. Aber vielleicht fehlt mir auch die Verspanntheit für diese Art Alltagskulturkampf.
        Ebenfalls Grüße!

        1. Mir geht es nur um ein stimmiges Bild. Der Artikel – obwohl ich keine Lust habe, ihn zu lesen – besteht also aus Worten einer „protestierenden, sich explizit politisch verstehenden Radfahrerin“. Die Webseite wird vermutlich genauso von „sich explizit politisch verstehenden Radfahrern“ betreut. Um ein Phänomen zu beurteilen, sollte man aber vielleicht auch einfach am Phänomen teilnehmen, wobei man wahrscheinlich auch hier im Block der „protestierenden […] Radfahrer“ landen kann und sich in seinem Verbissenheitsvorwurf bestätigt sieht. In meinen Hamburger Jahren wurde mir die CM immer als gelungener Anlass verkauft, sich außerhalb des Arbeitszusammenhangs zu treffen. Aber bevor wir hier einen verbissenen Kampf über die Verspanntheit der CM oder die Verspanntheit deines Eingangsposts führen, überlasse auch ich mich meiner Grundentspannung und überlasse es dir, wie du das Phänomen wahrnimmst.

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