13.5.2014

Categories Gespenst, Landschaft1 Comment

meine kollegin neonila ist seit einigen monaten ziemlich angespannt, seit tagen sagt sie gar nichts mehr. am wochenende war sie mit ein paar freunden in hamburg unterwegs, um informationsmaterial zu verteilen. informationen über die wahren zustände dort hinten, da wo sie herkommt, im osten der ukraine. welche informationen und woher sie die hat, habe ich nicht gefragt, denn ich habe einerseits nicht vor, mich in eine politische debatte mit ihr zu begeben über ein thema, das sie ganz persönlich betrifft und das sie täglich mit wut und verbitterung füllt, und man sieht, wie sehr sie versucht, sich im griff zu haben, wenn sie am büro-pc die ukrainischen nachrichten liest. und andererseits weiß ich inzwischen auch gar nicht mehr, was dort eigentlich passiert, denn auch die nachrichten sind von allen erdenklichen emotionen verfärbt, so dass sie nur noch selektiv berichten, was dort in gänze geschieht. oft genug wissen die berichterstatter selbst nicht, was tatsächlich geschieht, denn es ist nicht klar, wer auf wessen geheiß oder eigeninitiativ handelt.

nach informationen des BND sind söldner der us-sicherheitsfirma academi (früher: blackwater) auf seiten der ukraine im einsatz. ob auf direktem befehl oder mit billigung der usa oder auf wessen initiative auch immer. hervorragend! moskau hat stets erklärt, sämtliche unabhängigkeitsbestrebungen der ukraine seien ein westliches/amerikanisches szenario. und die gegenargumente gehen allmählich wirklich aus. hier findet also auch kein „bürgerkrieg“ mehr statt, sondern offenbar ein doppelseitiger eroberungskampf: moskaus politik ist fernab jeder gefahr, friedvoll zu sein. im gegenteil hat man bislang stets separationsbewegungen gen osten/russland aktiv unterstützt. allerdings nie zugegeben, direkt daran beteiligt zu sein. und dann ist da ja noch europa, das blinde, dümmliche, hilflose wesen, in dem es überall nationalistisch dampft und brodelt, ohne dass der staatenverbund irgendetwas dagegen zu tun in der lage ist. das mit seinen sanktionen zwar die russische wirtschaft trifft, gleichzeitig aber wohl auch ein katalysator dafür sein kann, eben dieser wirtschaft impulse zu mehr eigenständigkeit zu geben. aus der not eine tugend zu machen, wäre in russland nichts wirklich neues.

diese unübersichtlichkeit, unkalkulierbarkeit der vorgänge, gepaart mit völliger politischer lähmung, einem erschrecken vor dem sich stetig vollziehendem, das kaum steuerbar erscheint, ist das eigentlich gespenstische. und dahinein tanzt nun auch noch conchita wurst, die fröhliche anti-elfe. in einer politisch gespannten situation feiert europas bevölkerung eine eigentümliche verbrüderung. vorerst: die russische politik reagiert reichlich verschreckt, aber auch in europa wird der reaktionäre bodensatz aufgewühlt.

es ist ein fischen im trüben, in schwarzem wasser, zu vermuten, was weiter geschehen wird. fest steht, es wird nicht besonders gut ausgehen und diese heutige ukrainische katastrophe, die noch lange nicht abgeschlossen ist, wird auch in 50, wenn nicht 200 jahren noch politische vorgänge bestimmen oder als grundlage dienen. ebenso wie dieser konflikt ein blutiger nachhall der zerfallenen imperien nach dem ersten weltkrieg ist: damals zerstoben das osmanische reich, das habsburgische reich und das deutsche kaiserreich, das russische zarenreich reinkarnierte als sowjetunion und das britische weltreich überschritt seinen zenit. seither also zerfallen in europa die imperien zu nationalstaaten, die oft einzeln nicht lebensfähig sind. das heutige russische reich, mit stalins ahnenschaft, versucht sich im nationalismus zu retten, doch ich befürchte, sollte es seine wirtschaft nicht in den griff bekommen, wird es das europäische schicksal teilen und zerfallen.

1 thought on “13.5.2014

  1. Sehr interessant. Sehr pessimistisch. Im Herstellen historischer Bezüge sehr selbstbewusst. Ich begreife noch lange nicht, was in der Ukraine vor sich geht, aber ich beginne zu begreifen, dass man sich dafür interessieren sollte. Danke.

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