12.05.2014: Die Rosenbaum-Doktrin

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unlängst kam mir ein kleines büchlein des independent-verlages SuKuLTuR unter. darin unterhält sich wolfgang herrndorf mit friedrich jaschke. während man den einen, herrndorf, durchaus kennt und seinen tod betrauert, verhält es sich mit dem anderen nicht so: mit wem zum geier spricht herrndorf da? kurz: herr jaschke ist beinah siegmund jähn gewesen, der erste deutsche im weltall. er war im selben trainingsprogramm wie jähn, konnte ziemlich gut kopfrechnen, wie er im interview beweist, und war nach eigener aussage in eigentlich allen belangen besser, doch die parteiführung entschied anders. jaschke ist zum zeitpunkt des gespräches, das in einem berliner altersheim stattfindet, 58 jahre alt, hat multiple sklerose und lungenkrebs, und vier wochen nach dem gespräch wird er tot sein. so steht es ganz am ende des büchleins. das gespräch selbst ist wohl sein denkmal, eins der wirklich schönen sorte. jaschke, der verhinderte kosmonaut, plaudert über seine erlebnisse in der Raumfahrt, ihre entwicklung nach dem ende des zweiten weltkrieges. dass die amerikaner ihr raumfahrtprogramm mit hilfe von wernher von braun aufbauten, die russen aber bei satelliten und der bemannten raumfahrt schneller waren. oder dass es im weltall, in den raumschiffen, ziemlich stinkt, weil man dort nicht lüften kann. und wie abergläubisch die gesamte politische führung moskaus und washingtons waren.

„Keine politische Entscheidung, ohne dass der Mann mit dem Pendel kommt. […] Alle Leute, die sich mit der Fliegerei beschäftigen, haben einen Hau. Die glauben nicht an Gott, aber die denken, wenn sie eine Stiege rückwärts hochgehen, passiert ein Unglück.“

und das ist der nucleus des gespräches: der glaube an das unerklärliche. oder vielmehr: die panische angst davor und was dagegen zu tun sei. das ist der zweck der nach dem russischen kybernetiker leonid rosenbaum benannten doktrin: wie verhält man sich bei unerklärlichem? die frage und die doktrin zielt auf die handhabung der religiösen bzw abergläubischen furcht:

„Es gibt nichts Unerklärliches, konkret hieß das, in der sowjetischen Fachsprache: WENN da oben etwas Unerklärliches auftaucht, also was auch immer – Außerirdische – erschießen wir das mit der Bordkanone und tun so, als hätten wir nichts gesehen. (lacht)“

das ist ungefähr so wissenschaftlich wie der junge, der im keller auf spinnenjagd geht, eine findet und sie vor schreck tottritt. das ist ziemlich lächerlich bzw sehr schön. an diese doktrin des schreckhaften schließt sich dann das spiel mit dem wissen über die uns bekannte raumfahrtsgeschichte an: was von dem ganzen kram ist inszeniert, was real? armstrongs rede vom kleinen schritt für einen menschen, doch großen für die menschheit wird von jaschke als scripted reality dargestellt. ebenso wird die vermutung laut, dass gagarin oder jähn bei ihren weltallflügen aufgrund der doktrin außerirdische erschossen haben, und keiner weiß davon: eine sowjetische area 51 wurde mit der doktrin quasi unmöglich. auch sind die ehemaligen kosmonauten entweder verschwunden, gestorben oder verblödet.

„Gagarin ist zum Säufer geworden, und dann wurde er dem ZK peinlich, und bei einem Flugzeugunglück haben sie ihn abgestürzt. Im Westen war das nicht anders.“

zur mondlandung im hollywoodstudio ist es da nicht mehr weit. das gespräch wird zu einem sehr unterhaltsamen spiel mit realitäten und was man so alles für möglich hält – bzw ist es von anfang an.

denn weder die rosenbaum-doktrin noch friedrich jaschke hat es je gegeben.

dafür aber wolfgang herrndorf. und seine großartige erzählung gibt es noch immer. hier und hier.

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