9. februar 2014

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und jetzt geht hin, ihr athleten, und protestiert, was das zeug hält, zeigt den feinden der menschenrechte die rote karte, jeden tag, jeder zeit, denn die welt ist momentan zu gast bei homophoben arschlöchern, denen man pausenlos klarmachen muss, wie scheiße sie sind.

so ungefähr denken derzeit einige in diesem land, und glauben sich als helden, wenn sie olympioniken überzeugt haben, die regenbogenflagge bei der siegerehrung zu tragen. denn regenbögen aus stoff sind ja derzeit in russland quasi verboten und den menschenrechten gehts dort auch miserabelst, schauen sie nach in brüssel, und es ist doch toll, mit symbolen aufsehen zu erregen. zumal im namen der menschenrechte. und wer keine flagge schwenkt, ist ein kopfeinzieher und mitläufer. und es ist nichts schöner und leichter, als russland zu kritisieren, auch wenn einem sonst die homosexuellen und menschrechte ziemlich egal sind, es ist olympia und sport muss sein.

das jedenfalls hat sich auch der sportjournalist jens weinreich auf seinem grimmepreis-prämierten blog gedacht und fortan wortreich die (der deutschen sprache mächtigen) sportler animiert, positive lehren aus den vorbildern der olympischen vergangenheit zu ziehen und also nur unter protest aufs podium zu steigen. das ist jedoch nicht als handlungsanweisung gemeint, wie sie etwa der homosexuellen-verband fordert. aus sicht der homosexuellen ist das auch eigentlich vollkommen richtig, aus sicht der menschenrechte ebenso. problem dabei jedoch: ein protest im stofftuch ist und bleibt nur ein symbol und ersetzt keine langwierige politik. wobei ich ja eher den verdacht habe, dass politik gar nicht getan werden soll, also irgendwas mit gesprächen und feilschen um die sache und so, sondern dass sich die forderung nach dem sportlerprotest bereits im symbol erschöpft: weinreich und alle anderen protestsportler auf deutschen sofas (neue olympische disziplin: protest fordern) haben eigentlich kein interesse an politischen veränderungen, sondern nur am symbol, am helden, an einem tabu-übertreter, der russland mal gehörig auf den putin kackt. das wär doch mal was! bringt zwar keine punkte, aber sieht am tv wirklich sexy aus.

womit begründet weinreich seinen „traum“: mit protestierenden sportlern und einem funktionär. wobei eine ganz kleine, aber doch entscheidende verschiebung auffallen sollte: wo und gegen wen protestierten die sportler?

beispiel 1: der ewige klassiker. tommie smiths und john carlos‘ protestfaust in mexico 1968. großartige geste, sensationeller protest, da hat weinreich vollkommen recht. jedoch ist augenfällig, dass sich smiths/carlos‘ faust mitnichten gegen mexico richtet, sondern gegen die rassistischen verhältnisse in ihrem eigenen land. dass also die freiheit mexicos bühne wurde für die politische solidarität mit den von rassistischer gesetzgebung diskriminierten schwarzen australiens und amerikas. mexico war der ort des symbols, nicht sein inhalt. völlig klar, dass der weiße amerikanische vorsitzende des ioc ziemlich angepisst ist. mexicanische reaktionen sind nicht bekannt.

beispiel 2: die protestierende ureinwohnerin. cathy freemans aufstieg vom protestierenden aboriginee in athen zum gefeierten star und politischen botschafter in australien selbst. freemans beitrag zu einer in australien seither öffentlich existierenden debatte , nämlich der umgang mit australiens indigenen bevölkerung in einem gar nicht indigen verfassten staat, ist keinesfalls zu gering einzuschätzen. im gegenteil, ihr doppeltes flaggen-bekenntnis seit 1994, als sie nicht nur australiens flagge schwenkte, unter der sie angetreten war, sondern sich zudem mit den ureinwohnern dieses kontinents, die auch ihre eigenen sind, solidarisierte, ließ die blicke einer bis dahin uninformierten, desinteressierten weltöffentlichkeit auf ein sehr sensibles thema richten: das koloniale erbe und der umgang mit diesem. ein thema wie geschaffen für eine welt nach dem kalten krieg. ein thema wie geschaffen, um es als sportlerin zuerst nicht in australien anzusprechen, sondern im internationalen kontext, bei wms und olympia. auch für freeman war der ort unwichtig, solange er genug internationale aufmerksamkeit versprach, keinesfalls war er thema des protestes.

beispiel 3: der aufrechte funktionär. roland baar tat in moskau 2001 etwas sehr ungewöhnliches: er kritisierte eine entscheidung des ioc, dem er als mitglied und ehemaliger spitzensportler angehörte. denn es ging damals u.a. um die entscheidung, wer 2008 olympia ausrichten darf und welche maßstäbe das ioc anlegt. baar fand, dass geld nicht ausreichte, sondern auch politik eine rolle spielen sollte. er setzte sich bekanntlich nicht durch. gegen wen richtete sich sein protest: jedenfalls nicht gegen moskau, wo die sitzung stattfand. auch nicht grundsätzlich gegen china, das für peking schließlich die spiele zugesprochen bekam. sondern einzig gegen die vergabepraxis des ioc. dass ein mitglied so offensiv kritisch auftritt, gehört nicht zu den traditionen des ioc. übrigens zu keiner tradition irgendeines sportverbandes, aber egal. es ging nicht darum, china zu bestrafen, sondern klar zu machen, dass das ioc politische verantwortung hat mit der entscheidung, wer die spiele ausrichtet. das ioc hat sich dagegen entschieden und findet nach wie vor, meinungen der akteure sind einzelfälle, der rest ist sport und geld. einen baar hätte man sich ganz gerne in diesem sinne gewünscht, als für sotchi beim ioc votiert wurde.

heute aber, in sotchi, soll verlorener boden wieder gut gemacht werden und versäumnisse nachgeholt. denn es steht die situation so, dass von den sportlern erwartet wird, sich zu einem politischen protest gegen den eigenen gastgeber hinreißen zu lassen. dass also ein europäer, amerikaner, afrikaner oder sonstwoher nach russland fährt, um den leuten dort mal klar zu machen, dass russland ganz sicher nicht das land ist, in dem man leben sollte. das ist wohl genau so wie eine amerikanische eu-beauftragte, die europa zum kotzen findet und die das auch mal wissen lässt, freiwillig oder nicht. klar ist europa der klaren worte wegen dankbar und gelobt besserung. beinah, jedenfalls.

aber so ungefähr stellen sich die symbolprotestler wie weinreich das vor: zum nachdenken anregen, das gute bewirken, mit einer ohrfeige. ach die gute alte diplomatie, wie in der schule: leichte schläge auf den hinterkopf erhöhen das menschenrechtsvermögen. das geht natürlich am wirkungsvollsten, wenn man den gastgeber hübsch vor den kopf stößt und ihn vor der weltöffentlichkeit abwatscht. keine frage. russland steht auf solche erziehungsmaßnahmen. und die milliarden völlig krankhaft homophoben russen kratzen sich natürlich sofort geläutert die eier. so geht politik und aufklärung sport und olympia heute. zum probieren: lassen sie sich von jens weinreich und konsorten nach hause einladen und nörgeln sie heftig über alles, was sie finden können. sie werden sehen, das kommt total gut an und wird der beginn einer wunderbaren freundschaft.

oder so. fuck western arrogance.

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