05. februar 2014

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ab sofort also wieder arbeiten. früh raus, putzen, kaffee, bushaltestelle. das gebiet hamburgs, in dem mein job stattfindet, ist eine bürohauswüste, eine funktionale quadratische hochgewachsene stahlglasbetonwelt, die man eigentlich wie suburbs behandeln müsste, lägen sie nicht unmittelbar im zentrum: graffiti findet man hier ebenso wenig wie müll, reste von irgendetwas abgefackeltem oder hundekot auf den gehsteigen. hier wohnt ja auch niemand, hier sind büros ohne ende und das ganze hat den charme der zukunft von 1975 aus gesehen.

suburbs

ich treibe mich in der kuhherde des arbeitsvolkes, die an diesem bahnhof aus der s-bahn trottet, an die stätte meines dienstes, ein job mit staatssbürgerlicher verpflichtung, im auftrag des jobcenters aus einer horde wildgewordener migranten mittels sprachkurs wohlintegrierte arbeitssuchende und -findende zu machen, niveaustufe b2. und der laden, in dem dieser versuch unternommen wird, ist total neu, was bedeutet frisch gestrichen, spurenlos und infektionsfrei, worin ein haufen arbeit steckt, die man nun gar nicht mehr sieht, denn diese sprachschulen und fortbildungsinstitute sehen in ihren seminarräumen deutschlandweit ziemlich identisch aus, so wie sich behandlungszimmer, fernbahnhöfe und moderne kinos vollständig gleichen, da gibt es irgendwo eine firma, die komplett eingerichtete würfel und quader mit der stets gleichen ausstattung anbietet, je nach nutzungsidee gibt es minimale, aber entscheidende differenzen, und grundsätzlich ist das alles auf funktion ausgerichtet, relieflose weiße wände, eine farbe blau für alle sitzbezüge und grauer teppich, so schreibt es die firma vor, andernfalls folgt die abmahnung, und diese firma nennt sich amt, in dessen schwarzweißen rundschreiben ist klar geregelt, dass die seminarraumtische einer reihe bis zur anderen genau einen meter abstand haben müssen, der tisch des seminarleitenden dozenten zur an der wand befindlichen tafel zwei meter, womit die artustafel als unterrichtsform eine klare ordnungswidrigkeit ist und geahndet werden muss, sollte ihr vorhandensein offenbar werden, ebenso dürfen aufenthaltsräume nicht aufenthaltsräume genannt werden, solange sie fensterlos sind, und die einhaltung der vorgeschriebenen pünktlichkeit jedes einzelnen kunden hat dokumentiert zu sein und so weiter, ganze arbeit, jungs, ist doch gut zu wissen, woran man ist, alles schön übersichtlich und allerklarstens strukturiert, sonst ist es mit der lizenz essig.

und in solchen zusammenhängen treffe ich auf leben. ich komme mir vor wie eine penny-version von kolumbus, der seine sichtung von löwenzahnblüten im asphaltmeer nicht fassen kann. afghaner, iraner, ecuadorianer, libanesen, russen, iraker, vietnamesen und eine junge frau aus gambia, die alles hasst und irre fröhlich ist. die haben zwar meinetwegen nicht so die tollen ämter, aber was zu erzählen, die haben geschichten aller art und aller grammatikalischer konstruktionen, und in diesen räumen ist dann so viel farbe, das hält kein regelwerk aus. das jobcenter, am ersten tag in form einer älteren dame anwesend, der ständig eine blonde emo-locke übers rechte auge fällt, spricht mit mir hingegen nur hochdeutsch und vor allem klartext, verlangt von den komischen leuten da vor mir leistung, leistung und nochmals leistung, ganz unmissverständlich, dabei darf ich gar nicht über soviel verirrten lenin-kommunistischen eifer grinsen, der sich da in die hochburg bürgerlichen ordnungssinns geschlichen hat, der da aus ihr heraussprudelt, sie will entwicklungen sehen und die maßnahme müsse erfolg haben, und damit schwenkt sie wieder in die behördlichen drucksachen ein, denn mitleid könne man nicht mehr haben nach all den jahren der anstrengungen etc etc. ich nicke pflichtschuldig und frage mich, ob sie in ihrer frühpubertären schulzeit mal zeilen von rolling-stones-songs, sprudelnde penisse mit härchen und vaginas in rhombusform an den rand ihrer mathehefte gemalt hat oder eher nicht. satisfaction anyway?

jedenfalls lassen sich die ersten paar tage dieses jobs mit meiner meute aus maad, ahmad, farida, sakina, hawlatou, sanaz, maria, victoria, jimmy, cristiano, meylin und sayed ziemlich fröhlich an, gerade auch im kontrast zu der uns umgebenden geometrie, und das ist doch schon mal gar keine schlechte sache. ich melde mich wieder.

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