31. januar 2014

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jetzt eben habe ich wieder die halbe nacht wach gelegen, obwohl mir schon um 9 zumute war, als wollte ich augenblicklich einschlafen. ich bin nun schon 5 monate wieder zurück im land, und in drei tagen wird es losgehen, das richtige leben, die arbeit, der job, der verdammte unsinn, den man nötig hat, um hier über die runden zu kommen. in drei tagen bin ich wieder lehrer und stehe vor 15 leuten, die vom amt geschickt wurden, damit sie perspektiven auf dem sogenannten arbeitsmarkt finden. und ich kann nur hoffen, dass da auch ein paar bei sind, die glück haben. die restlichen dürfen ihr misslingen dann gern auf mich schieben, denn irgendeinen verdammten sündenbock muss man ja in die wüste schicken, also den job übernehm ich sehr gern. leider zahlt mir das keiner, aber egal. in drei tagen werden die leute da sitzen und irre dinge von mir erwarten. genauso wie die dame vom amt, die sie losgeschickt hat zu einer „maßnahme“. und die leiterin der einrichtung, an der der kurs stattfinden wird, auch sie mit angekauten fingernägeln, dass alles gut geht und das institut diese kurse weiterhin ausrichten darf. was auch immer gut gehen mag. ich jedenfalls lass es mir offen, ob mich der job interessiert und ob ich bereit bin, den lehrer zu geben.

5 monate sind es, und bislang, in den letzten stationen, war stets ein moment dabei, an dem es mich interessiert hat. das ist ausgeblieben, größtenteils. klar, ein paar gleichgesinnte hab ich gefunden. aber ehrlicherweise muss man sagen, nach nur zwei treffen, das ist ein recht eingeschlafener haufen mit leuten, die eigentlich nichts mehr zu wege bringen. gefragt, wie denn so die möglichkeiten aussehen, einen befreundeten autor aus dem ausland einzuladen und auf einer lesung vorzustellen, erinnerten sich die alten an die zeiten, als sie noch regelmäßig lesungen veranstaltet haben. mag sein, dass auch nur die gekommen sind, die eh zeit haben. aber die ganze sache sieht mir doch sehr verschlafen aus. ich hab nicht übel lust, dem laden ein wenig in den arsch zu treten und dort ein bisschen bewegung rauszuquetschen. aber die verschlafenheit ist etwas, das grundsätzlich über diesem landstrich liegt, zumindest an diesem ort, an dem wir gestrandet sind. diese welt um uns herum ist so müde, so verhalten und in ordnung. es sind hier keine geschichten. es ist kein beat, kein puls und kein problem. es ist alles so verhalten. es ist eine haltung, die mit wenig neugier auskommt. ich sehe in den menschen, mit denen ich zu tun hatte bislang, recht wenig interesse, gier, freude und geilheit auf neues im sinne: auf anderes. auf alternativen. hin und wieder blitzt es bei unserem nachbar auf, der nach einem neuanfang oder einem impuls sucht, etwas zu beginnen.

und ich fühle mich oft genug gelähmt und werde teil dieses verhaltenen verhaltens. jetzt also lehrer. aus purer bequemlichkeit, damit erst mal was da ist, so als basis. dabei sitze ich auf genug kohle derzeit. und in mir ist soviel aufbruch. und soviel lust, diese müdigkeit, gelähmtheit, verzagtheit einzureißen, in schutt und asche zu legen.

nirgends habe ich es mehr genossen, an fauser zu denken. und seinen stolz zu vermissen. seinen zorn. oder schliengensiefs wilde experimente, konsequent in jeder hinsicht. auch jelineks furor hat sich, hierzulande wenigstens, ein bisschen aufgelöst. die junge literatur kommt heute oft genug aus der akademie, gebildet, wortgewandt, harmlos. nicht weil sie aus ähnlichen milieus stammen. es sind keine geschichten in den menschen, die über sie selbst hinausgehen. dieses land ist, gemeinsam mit seinen deutschsprachigen nachbarn und einigen anderen europäischen staaten auch, zu einer insel der geruhsamkeit geworden, rings um europa und an seinen südlichen rändern, da tobt es, da brutzelt was, schauen sie in die ukraine oder, in die andere richtung, ja, und noch über den horizont, da ist bald nicht mehr mexico sondern ein riesiger mexikanischer friedhof, hier wie dort sehen sie, wie geld und macht, die beiden riesigen titten der hure kapitalismus, staaten zum erodieren bringen. abgefahren, oder? wird bald geile actionthriller zum thema im cinemaxx geben, ganz sicher. und bei uns gibts finsterworld, prätentiöser provokationsquark. so richtig die mahlzeit für beschauliche orte. jetzt geradelese ich serhij zhadan, weil ihn mir kerstin geschenkt hat. und ich bin furchtbar sauer auf sie, weil sie weiß, dass ich nie nur ein buch eines autors lese, sondern möglichst das gesamte greifbare oeuvre. na gut. also zhadan. und zwischen so viel gefluche, gesaufe und geschimpfe und gelabere so viel lebenslust, mit einem wirklich rotzigem „trotz allem“ rausgehauen – das ist wirklich bewegend. beeindruckend. inspirierend. anarchistisch geradezu.

im ausland habe ich gelegentlich dinge aus deutschland vermisst. freunde oder einen guten döner. in deutschland gerade vermisse ich dinge aus dem ausland. freunde. und viele gute faszinierende geschichten. dafür lohnt es sich, wach zu bleiben, keine frage.

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