20. Januar 2014

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Seit Tagen stolpere ich permanent über Julia Engelmann und ihren Beitrag zum Bielefelder Hörsaal Slam vom Mai 2013. Und von allen Seiten Lob, Bewunderung und Glückwünsche für soviel Wahrheit und das Aus-der-Seele-Sprechen einer ganzen Generation. Ich werde bei derartigen Eruptionen meist skeptisch, wohl auch deshalb, weil ich nie das Gefühl hatte, Bestandteil irgendeiner Generation zu sein. Generalisierte Erfahrungen, das Lebensgefühl von Tausenden – ich habe mich diesem bislang als nicht zugehörig verstanden, mich nie über Gleichaltrige definiert. Und jetzt, nach neun Reisejahren, bin ich sowieso nicht mehr Teil einer Bewegung, sondern eher Migrant als generativer Deutscher. Insofern kann ich mir den aktuellen Popsong der Anfang-20-Jährigen durchaus entspannt anschauen. Denn nichts anderes ist das vorgetragene Gedicht, ein netter kleiner Popsong, den so oder so ähnlich auch mal Wir sind Helden oder MIA oder Silbermond oder sonst eine nette deutsche Popband irgendwann in den 2000er Jahren zustande gebracht hätten.

Was mich am meisten erstaunt bei Engelmanns Zeilen und dem ganzen Jubel darüber: Ich teile diese Angst nicht, etwas Wesentliches zu verpassen. Die Befürchtung, das Leben, was immer das sei, laufe an einem vorüber. Die Angst, ein graues Mäuschen zu sein oder zu werden. Die Befürchtung, das wahre echte wirkliche Leben schließlich nicht erlebt zu haben. Und von nichts berichten zu können. (Im übrigen eine sehr eingeschränkte Vorstellung vom Erzählen: dass Geschichten nur erzählt werden können, wenn sie authentisch sind und persönlich, privat erlebt wurden. Aber dazu später.) Nein, ich teilte und teile diese Furcht keineswegs und habe sie auch nie als Motivation verstanden, irgendetwas Aufregendes tun zu müssen, um mir selbst ohne Scham in die Augen sehen zu können. Vielleicht war ich nie alt genug für diese Zukunftsangst. Ich hatte auch nie den Antrieb, Dinge tun zu müssen, um später daraus nette Anekdoten zu formulieren und vor irgendwem auch ein bisschen prahlen zu können. Was ich getan habe, geschah in erster Linie, weil ich es tun wollte, und nicht, weil mich die Vorstellung trieb, später mal davon berichten zu können. Der Kassenzettel des eigenen Daseins.

Aber gut, es gibt wohl genügend Leute, die schauen wohl auf zu Persönlichkeiten und sehen dann ahnungsvoll die mögliche Bedeutungslosigkeit ihres eigenen Lebens. Oder hadern ganz einfach nur mit der Art, wie sie ihr Dasein momentan gestalten. Ok, meinetwegen, macht jeder mal. Doch Julia Engelmann beschreibt ja ein Leben im Wartezimmer, voller Prokrastination aus Furcht und Ablenkung vom Eigentlichen. Und dieses Eigentliche ist bei ihr – und ich glaube, deshalb ist ihr Text auch so ungeheuer erfolgeich – eine ziemlich bürgerliche, zutiefst romantische und ausschließlich private Vorstellung von Authentizität. Ein Lebensentwurf, der einem selbst nichts abverlangt. Das Höchste der Gefühle ist es, aufs Dach zu klettern, um sich einmal ganz konkret aus dem Alltag und dem Normalsein zu erheben. Der ganze Mut zum Leben, um aus dem Wartesaal zu treten, führt zu recht banalen Lebensweisheiten (du hast dein Leben selbst in der Hand) und ausschließlich privaten Glück. Sich mal die Masken vom Gesicht reißen, um echt zu sein. Oder Partys bis in die Morgenstunden zu feiern. Es sind keine besonders auffliegenden Vorstellungen von der Vergeudung von Dopamin. Das ganze Glück des vielleicht Verrückten verliert nirgendwo die Bodenhaftung oder gar das Bewusstsein, ist keineswegs rauschhaft und entfesselt, sondern immer bedacht, wenn nicht bedächtig. Denn selbst wenn gemahnt wird, es sei Zeit für Fehler, so soll doch bitteschön auch ordentlich aus ihnen gelernt werden. Nichts geht ohne Bildungsauftrag, keine Tat ohne Lehrsatz, auf keinen Fall sinnlos Spaß haben.

Es ist diese furchtbare Bodenständigkeit, diese noch im Gefühl des Glücks nie aufzugebende Vernünftigkeit, die mich vollkommen ratlos, schaudernd, zurücklässt. Das finden junge Leute toll? Das verstehen Menschen als wahrhaftig und lebensweise? Daran ist nichts, aber auch gar nichts, was auch nur in den Geruch käme, rebellisch zu sein, aufbegehrend und freiheitssuchend. Es ist kein Punk in diesem Glück, kein Sturm, kein Drang, nirgends. Es ist als Glücksvision formulierter Biedermeier. Lieder bis zum Morgengrauen singen, mehr braucht es nicht, um sich selbst ein selbstbestimmtes Leben auszumalen. Wow, wie arm. Arm an Utopien. Arm auch an Zorn. So dürftig smells the Teen Spirit these days? Sehen so die hiesigen Pussy Riots aus? Jaja, schon recht, man sollte dem kleinen Popsong-Text nicht zu viel abverlangen. Aber wenn ich ihn als Literatur vorgetragen bekomme, erscheint er jenseits aller Vortragsästhetik nun einmal ziemlich dürftig, bürgerlich und banal.

Mich hätte ja eventuell interessiert, woher die Furcht und Feigheit kommt, von der Julia spricht, dass sie sie abhält, das Leben zu führen, das sie führen möchte. Mich hätte interessiert, warum sie glaubt, später einmal nichts zu erzählen zu haben. Welche Überforderung da drin steckt. Ist es die Überforderung an zu vielen Möglichkeiten? Ist es die Überforderung durch zu hohe Ansprüche? Ist es die Überforderung einer streng leistungsorientierten, leistungsoptimierten Gesellschaft, in der immer weniger Raum für Experimente zur Selbstentfaltung zu finden ist? Steckt diese Art der Optimierung und Fehlervermeidung in der Art ihres eigenen Studiums, das Gefühl, neben zu viel Studium zu wenig Zeit für sich selbst zu haben? Ist es die Überforderung durch eine scheinbar unübersichtliche, konfliktüberreiche Welt, dass sie nicht einmal mehr Tagesschau schaut? Wer oder was hat das Wartezimmer ihres Lebens errichtet, aus dem sie fliehen möchte? Und warum eigentlich, wenn sie selbst keine Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen weiß, erfindet sie dann nicht einfach aufs Gratewohl irgendwelche Storys? Immerhin liegt doch im Phantastischen eine ungeheure Befreiung von einer einengenden Realität, befragen Sie z.B. einmal die russische Literatur. Aber es ist genau diese Art des Erzählens, die mit der Vorstellung von Glück korrespondiert: ganz und gar persönlich, ausschließlich vom eigenen Ich ausgehend und keineswegs darüber hinausweisend, das gilt, zumindest in dieser Textgattung des Poetry Slam, als authentisch, wahr und weise. Erzähltes ist hundertprozentig eigenes Erleben, das aufgeschrieben wurde. Anekdoten des eigenen Glücks. Sicherlich nichts Falsches oder Verdammenswertes, aber doch, jetzt und später einmal, eigentlich ziemlich wenig.

7 thoughts on “20. Januar 2014

  1. Moin, Du Hamburger! ich würde ja zu gern mal in Deine Sibiriengeschichten reinschnuppern……Hast Du die schon gedruckt? Verfolgst Du etwas die neue Gesetzgebung, Propaganda und Ideologisierung?
    Viele Grüße!

  2. wunderbar. Abgesehen davon bewegt mich die Frage: ab wann ist eine Geschichte erzählenswert? Besser: ab wann ist eine Lebenssituation berechtigt, als Geschichte erzählt zu werden?

    1. Berna, vielen Dank 🙂
      Zu deiner Frage: ich denke, sobald es dir erzählenswert erscheint. Erzählen ist ja nicht nur eine Frage des „was“, sondern auch des „wie“. Beste Grüße!

  3. All diese Facebook Menschen haben doch schon jetzt jeden Tag so viel zu erzählen – vielleicht kommt das Gefühl, des Nichts Erlebens wenn man sich das Erzählen nicht für später aufspart, sondern gleich der ganzen welt „postet“?

    Guter Text.

    1. Hallo Chrissy, danke schön!
      Ich denke auch, dass sehr viel erzählt wird, naturgemäß. Das Gefühl des Wartezimmers entsteht wohl auch aus dem Bedürfnis des Individuellen, des sich Unterscheidens, des Besonderen und divergent Eigenen. Und das scheint unerfüllt zu sein.
      Grüße!

    1. Hallo Luisa,
      ja, Kolumnen eignen sich sehr gut für alltägliche Verirrungen, wobei mich am Erzählen ja eher das Fabulieren, das Fabelhafte und Sonderbare interessiert, das auch gar nichts mit mir und meinem Alltag zu tun haben muss.
      Viele Grüße!

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