30. Oktober 2013

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Vor wenigen Tagen, bei einer Geburtstagsfeier, sprach ich mit unserem Nachbarn, der im Iran geboren wurde und vor einigen Jahren bei Bremen ein Unternehmen gegründet hat, über Zukunftspläne. Er wird leider von hier wegziehen, näher zum Unternehmensstandort, um mehr Zeit für Arbeit und Familie zu haben. Ich sagte, dass ich vorhabe, mich selbstständig zu machen als Freiberufler. Er fand das gut und drollig zugleich, denn auch ihm ist keineswegs die Zögerlichkeit von Deutschen ohne Migrationsgeschichte aufgefallen, die sich mit enormen Sicherheitsbedürfnis, nach reiflichen Überlegungen und Diskussionen im Freundeskreis, Gründerkursen und Beratungen von Arbeitsagentur und diversen Initiativen zu diesem Schritt entschließen. Der Gang in die Selbstständigkeit geht eher unselbstständig vor sich. Ich muss leider zugeben, dass ich keine aufregende Ausnahme darstelle, sondern schon gern mit einer gewissen Perspektive an die Sache rangehen will. Da ich ein miserabler Selbstvermarkter bin, bedarf es anderer Qualitäten, die ich anzubieten habe. Ich bin durchaus der Ansicht, nicht ganz schlecht schreiben und erzählen zu können. Doch möchte ich die „Sibirischen Geschichten“ soweit vorbereitet und für ein Exposé geeignet ausgearbeitet haben, dass ich damit um Interesse und einen Verlag buhlen kann. Das ist meine Form von Sicherheitsbedürfnis.

Allerdings wurde mir heute im Gespräch mit einer Mitarbeiterin der Arbeitsagentur Eimsbüttel sehr klar, dass ich gar keinen anderen Weg als den in die Freiberuflichkeit habe und haben will. Und dass ich damit sehr glücklich bin. Denn ihr unverholen mitleidiger Blick, mit dem sie mich bedachte, als sie rudimentär meine Qualifikationen und mögliche Arbeitsfelder in die Profilmaske tippte, war unglaublich – – – befreiend. Da saß ich vor ihr, beinah noch frisch aus Russland zurückgekehrt, konnte wegen einer Erkältung so gut wie nicht sprechen, wollte mich arbeitslos melden, um den offiziellen Bescheid zu erhalten zwecks Kindergarten und diversen Förderungen für diverse andere Ämter, für die offizielle Verwaltungsbescheide das Öl in den Scharnieren ist, und sie fragte mich, was ich mir vorstellen könnte zu arbeiten. Naja, DaF und Theaterpädagogik, 20h Teilzeit fände ich gut. Sie notierte das auf meinem Profilbogen und ich las in ihren Augenringen die Geschichte von den schwerstvermittelbaren Langzeitarbeitslosen mit den Rosinen im Kopf: Die Frau war ein einziger Seufzer aufgrund meiner bedauerlichen Blauäugigkeit der harten eimsbütteler Realität gegenüber. Was jedoch wirklich schade ist: Dass sie meine Zuversicht nicht mehr miterleben konnte, als ich nach wenigen Minuten das Gebäude verließ, denn ich wusste ganz genau, was ich tun und lassen wollte – und vor allem, dass ich es kann und die absolut richtige Entscheidung getroffen habe.

Damit weiß ich, was ich zu tun habe, ganz ohne Gründerkurse.

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