15. Oktober 2013

Categories Gespenst0 Comments

Seit einigen Tagen beschäftige ich mich wieder mit den Sibirischen Geschichten. Es kommt nicht oft vor, dass ich mir dafür die Zeit und die Geduld zugestehe. So kann das natürlich nichts werden. Heute also taste ich mich an die Umgestaltung der ersten Geschichte. Eine ganz einfache Liebesgeschichte, wie sie uns in Sibirien häufiger begegnet ist. Damit die Sache Glanz bekommt, formuliere ich sie als Märchen. Ich war mir nicht bewusst, dass diesem Genre wieder eine größere Relevanz eingeräumt wird: die taz eröffnet heute eine Debatte darüber, die kommendes Wochenende gedruckt erscheinen soll. Auch der Literaturpreis Nordost hat für 2013 das Thema Märchen als Schreibanlass ausgegeben. Was mich daran interessiert? Es ist befreiend, in den Grenzen eines Genres zu schreiben. Befreiend deshalb, weil die Erzählmuster des Zauberhaften und Wandelbaren mit dem realen Gang der Geschehnisse kollidieren und dem einfachen Realen etwas Magisches verleiht. Denn nichts ist Magischer als das Sprechen über etwas so Alltägliches wie Liebe. Ein Stofffetzen oder ein zerknautschtes Stück Papier kann unter den Umständen der Liebe magisch sein, denn es erzählt von der Macht der Gefühle, von der Elektrik des Küssens, von der Gewalt des Sexes, vom WUNDERschönen in der Zeit: im Alltäglichen (mit den Zeichen des Besonderen) ist das Wunderbare verborgen. Im Märchen das goldene Ei in der Gans in der Truhe im Brunnen in der Tiefe des Waldes: das Universelle im Mikroskopischen.

In meiner Geschichte nun muss der junge Mann, nachdem er seine Wassilissa kennengelernt hat, mit ihrem Fluch konfrontiert werden, einem anderen versprochen zu sein. Kein Märchen ohne magische Hürden, keine Liebe ohne Hindernisse. Ich bin mir allerdings nicht sicher, wie stark des Magische eingreifen sollte. Mir scheint der beste Weg, es in der Wahrnehmung des jungen Mannes zu belassen. Der von seiner Verliebtheit verzaubert ist und sich in dem Märchenwald seiner Gefühle bewegt. Und mir gefällt die Entrealisierung, weil sie völlig unfunktional ist. Er ist in seinen Gefühlen (sie ebenso) genauso gefangen und befreit wie die Geschichte in den Händen des Genres.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.