Unvollendeter Roman #2

Als Anders von seiner Mediokrität erfuhr, saß er zerknautscht mit einem Kater im Bus. Durch den Schädel rauschte ein akustisches Antiseptum, berstend, geröllend, und der Kater brummte. Gerade sägte ein elektrischer Gitarrero an seinen Gehörgängen, da schob sich ein angebetetes Frauengesicht vor ihn, scheuchte den Kater beiseite, der knorpelte sich in Anders‘ Brust zusammen, dann stöpselte sie ihm die Ohren frei und sagte sterbensernst, wie aus allen Wolken: Sie sind nicht verrückt, Sie ahmen nach. Anders‘ Schädel, zeitlupig, gusseisern, rostige Mechanik, knarrte diesem Satz entgegen: was – ? Nach Sekunden, das Gesicht verflogen, ein Echo verhallt, quietschte etwas in seinem Hirn. Dem Aufprall entkam er nicht.

Unvollendeter Roman #1

Ein gebügelter Mensch liest auf dem Weg zur Arbeit den obskuren Ratgeber „Die Kunst des klaren Denkens“ und sieht den Begriff „klar“ vor Augen wie sein aufgeräumtes Sockenfach, doch im Autor leuchtete während der Niederschrift die Klarheit tiefgekühlten Wodkas. Ein kleines Missverständniss, das in der Konsequenz tödliche Folgen haben kann. Der Mensch, in dem es unerwartet gurgelt, biegt eines Tages nach St.Pauli ab, auf der Suche nach Teresa Mulligan.

Zufall, Beliebigkeit, Poesie und Unverständnis

Marion Poschmann Die Kieferninseln

Es ist ein Auszeichen guter literarischer Texte, dass sie in ihren Lesarten tendenziell unabschließbar sind und sich vielen, auch vollkommen konträren Perspektiven öffnen. In diesem Sinn kann Marion Poschmanns „Die Kieferninseln“ als guter literarischer Text verstanden werden, da das Buch sowohl auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht und sowohl hoch gelobt als auch stark kritisiert wird. Eigenartigerweise verdankt sich diese Offenheit aber in erster Linie einer Leere und einem fehlenden Kern des Textes, denn er zerfällt in viele kleine Teile, deren innerer Zusammenhang sich oft nicht erschließt. Anders gesagt: Ich weiß nicht, worum es überhaupt im Text geht, was sein Thema ist, was eigentlich erzählt wird. Selbstsuche? Wohl kaum, dafür ist die Hauptfigur zu dürftig und besitzt keinerlei Fallhöhe oder Tiefe. Culturclash in Japan? Nach Lost in Translation schon eher banal. Irgendwas mit Gedichten? Vermutlich.

Ein Begriff taucht in den Besprechungen zu den „Kieferninseln“ immer auf: Poesie. Oder wie es in der Jurybegründung zur Shortlist heißt: Mit der Intensität eines Haikus [wird] jedes augenscheinlich noch so unbedeutende Detail […] Poesie. Was auch immer das bedeuten mag, wenn etwas in einem Roman zu Poesie wird. Das Wort scheint in den Rezensionen und Beschreibungen des Romans die signifikante Leerstelle füllen zu müssen: irgendetwas Unaussprechliches, vielleicht sogar Unbegreifliches – ein ehrfurchtsvolles Raunen. denn es gibt halt Dinge zwischen Himmel und Erde, nach denen der menschliche Verstand auf immer vergeblich greifen wird, schreibt Katharina Granzin gleich zu Beginn ihrer Buchbesprechung in der taz. Und eigentlich schiebt sie mit dieser müden Formel nur ihr Unverständnis am Text beiseite:

Was haben Bärte mit Bäumen gemeinsam? Besteht eine geheime poetische Verbindung zwischen dem Haarwuchs am männlichen Kinn und dessen Form und Pflege sowie dem Wesen und Gedeihen der japanischen Schwarzkiefer? Das ist eine große Frage, deren Beantwortung letztlich offen geblieben ist, wenn man Marion Poschmanns „Kieferninseln“ nach vollendeter Lektüre zugeklappt hat.

Denn genau diesen faden Eindruck hinterlässt das Buch: irgendwas raunt da poetisch geheimnisvoll, aber nichts Genaues weiß man nicht und eigentlich ist alles völlig unklar, wenn nicht sogar ziemlich beliebig, fast lächerlich. So wie die Motivation der albern benannten Hauptfigur Gilbert Silvester, das Weite zu suchen und damit den Text in Gang zu setzen: Ein schlechter Traum, den er so hysterisch daß (sic!) ihm beim erregten Sprechen etwas Speichel aus dem Mund gesprüht war und also von Anfang an als lächerliche Figur gezeichnet gegen seine Frau Mathilda verteidigt. Die Frau, von Gilbert als Wesen irrationaler weiblicher Strategie disqualifiziert, die nicht weiß, wie ihr geschieht, und die er doch immer wieder als Adressat seiner Reisebetrachtungen aufruft – sie ist Zuschauerin in weiter Ferne: Was tut der Mann da, was soll das? Und: Warum eigentlich? Das bleibt ihr ebenso wie dem Leser des Buches natürlich unklar. Genauso wie es natürlich unklar bleibt, was die breit ausgewalzte Bartforscherei, anfänglich ebenso lächerlich geschildert, dann aber immer mal wieder zu kulturphilosophischen Betrachtungen ausexerziert Zum Thema des japanischen Bartes kursierten mehrere Theorien in diesem Roman macht. Würde es einen Unterschied bedeuten, wenn Gilbert Wurstfachverkäufer wäre oder Schraubendesigner? Anlass für Lächerlichkeit und kulturgeschichtliche Essays gäbe es auch dort zuhauf. Und geheime poetische Verbindungen zu Kiefern auf japanischen Inseln lassen sich von dort bestimmt auch ziehen.

Vieles in diesem Roman ist weniger poetisch als vielmehr beliebig, die Motive sind wenig bis überhaupt nicht miteinander verknüpft und manches wird einfach so geschildert, ohne dass man wüsste, von wem oder was das im Text macht. Noch heute präsentierte sich der römische Papst unter allen Umständen glattrasiert, während der russisch-orthodoxe Patriarch als Zeichen seiner Würde selbstverständlich den göttlichen Vollbart trug. Aufregend. Zufällig begegnen sich Gilbert und der suizidale Student Yosa Tamagotchi, der einen völlig zusammenhanglosen, sinnbefreit lächerlichen Namen hat und mit seinem Selbstmordhandbuch mehrfach scheitert Der Junge […] war wirklich zu nichts zu gebrauchen, er war ein totaler Versager. bis er irgendwann genauso zufällig wieder aus dem Roman verschwindet. Deren Beziehung zueinander bleibt unverständlich, denn Gilbert tritt als Dozent auf, dem jungen Studenten das richtige Sterben zu weisen, und Yosa lässt sich vom aufdringlichen Deutschen bereitwillig leiten, warum auch immer. Die Motivation Gilberts, mit dem zufällig gefundenen Basho-Buch durch Japan zu reisen, bleibt fragwürdig, ebenso die vielen Haikus, die Gilbert vor sich hin dichtet und bespricht wie in einem Volkshochschulkurs – nichts an diesem ganzen Geschehen ist irgendwie motiviert. Und in dieser scherzhaften Beliebigkeit, mit der Gilbert und Yosa durch Japan auf der Suche nach dem perfekten Suizidort fahren Der Selbstmörderwald Aokigahara hat sich als Flop erwiesen! mit der aber auch immer wieder essayistische Textpassagen zu allem Möglichen im Text stehen, auch mal eine Passage mit nur 65 Baumnamen, verharrt der ganze Roman.

Doch immer wieder wird die Kiefer raunend aufgerufen 25.000 Anrufe, 25.000 Kiefernnadeln, schimmernd im Mondlicht. und mehr als dass es Gilbert außerordentlich gefiel braucht es wohl nicht begründet werden. Bzw vielleicht noch, dass es in Japan und damit für den Text Begründung genug sei: Undenkbar in Deutschland, daß man sich irgendwohin auf den Weg machte wegen eines Baums! Das ist nicht ernst gemeint, bitte nicht.

Vielleicht aber doch. Wahrscheinlich ist genau das eben die Poesie, für die Poschmann so gerühmt wird, auch für ihre Lyrikbände und früheren Romane. Eine Naturmystik, die sich nicht erschließen muss, und vielleicht soll jede Rationalität per se lächerlich erscheinen, denn es gilt der Mond, die Kiefern und die Laubfärbung, mit der der Roman endet. In diesem Sinne wäre Die Kieferninseln ein zutiefst antiintellektueller Roman, der mit Naturschilderung bzw -anrufung alles Notwendige dargestellt hat:

Die Schau der Naturerscheinung war weder mit Kunst noch mit Architektur, noch mit Geschichte verbunden, sie war zart und geheimnisvoll, und wenn daraus doch eine Form von Bildung erwuchs, ließ sie sich hinterher weder erklären noch abrufen.

Der Rest ist also raunende Poesie bzw groteske Zweige im geheimnisträgerischen Mondschein. Man könnte auch sagen: Quark. Wenn man auf die Frage nach dem fabula docet also antworten muss, dass man es eigentlich nicht erklären könne, halte ich dies für kein Auszeichen guter literarischer Texte, ganz und gar nicht.

Marion Poschmann: Die Kieferninseln. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 168 Seiten, 20 €.

Auf der Couch

Unerwartet bin ich vor die Wahl gestellt zwischen ein paar Schokokeksen und einem Tütchen Sesamcracker: „Süß oder salzig?“, fragt der Steward in kommandierenden Tonfall. Selten ist mir nachdrücklicher eine charakterliche Selbsteinschätzung abverlangt worden bezüglich kulinarischer Vorlieben. Zeitgenössische Psychologie mit binär aufgebautem Testsystem, unter Zeitdruck ist eine Entscheidung zu treffen. Das hat Methode, das wird irgendwo ausgewertet, ich hätte gewarnt sein können: es ist ein Direktflug nach Wien.

erschütterte gesellschaft

mit dem ergebnis der heutigen bundestagswahl und dem – aus ihrer sicht triumphalen – einzug der rechtsradikalen partei afd ist auch dieses land zu einem normalen europäischen staat geworden. eine äußerst beunruhigende normalität: die europäische union besteht inzwischen aus einer ansammlung von ländern mit starken national gesinnten parteien, die entweder den politischen diskurs bestimmen (frankreich, österreich, großbritannien, auch spanien) oder ihn gar leiten (ungarn, polen, kroatien). stets aber sind die gesellschaften unruhig, es gibt massive demonstrationen und enorme soziale differenzen. diese erschütterungen, die fast überall aus hausgemachten ökonomischen krisen nach dem großen europäischen umbruch 1989/90 resultieren und in der wirtschaftskrise 2008 manifest wurden, haben sogenannte „zerrissene“ oder „gespaltene“ gesellschaften geschaffen, ähnlich dem cineastischen motiv der aufreißenden straßen nach einem erdbeben – wobei das bild des spaltes zwar anschaulich, doch maximal simplifizierend ist, als gäbe es ein eindeutiges gut und böse, links und rechts, die und wir etc. dichotomien eignen sich zur veranschaulichung, aber keineswegs zur erklärung.

in deutschland ist es nun also die anwesenheit einer offen rassistischen, demokratiefeindlichen, aggressiv national gesinnten und zutiefst bürgerlichen partei, die der anlass für den ewig gleichen kulturkampf ist: es ist keineswegs der breit ausgewalzte, talkshow-taugliche und sowieso inexistente „clash of cultures“ zwischen migranten und einheimischen – es ist der kampf um die hegemonie selbst: wer definiert das land, wer dominiert den staat und seine institutionen, wer bestimmt die debatte und den ideologischen kurs. es ist ein kampf um vorherrschaft, um medien, einfluss und wahrheit, ein kämpfen, das auf maximalen dissens ausgerichtet ist und stets kaputte gesellschaften zurück lässt. in deutschland ist seit dem beginn von pegida das bild des kulturlosen, antidemokratischen ostdeutschen wieder populär, und das außergewöhnlich hohe resultat der afd scheint dieses bild zu bestätigen.

tatsächlich hat das gesamte bundesgebiet die afd ins parlament gewählt, ob im ehemaligen westen, in hamburg oder bayern – die afd übersprang überall mühelos die 5%-hürde. den osten für die hohen werte der afd verantwortlich zu machen, ist wohlfeil – und spricht für eine haltung, die mit komplexen situationen und schwierigen lagen nicht anders umzugehen weiß, als in selbstgerechtigkeit und schuldzuweisung zu verfallen.

tatsächlich läuft die spaltung – sofern man es denn als solche bezeichnen möchte – zwischen wählern etablierter bürgerlicher parteien und dem extremen rechten bürgertum – dessen politischer arm afd nach wie vor als „populistisch“ verharmlost wird – ziemlich wild durch die gesellschaft. es gibt kaum soziologische befunde, wer etwa in hamburg aus welchen motiven afd wählt. das billige „abgehängtsein“ funktioniert nicht, denn die parteimitglieder sind bestens verdienende akademiker – und damit auch keineswegs die „mitte der gesellschaft“, sondern ihre erfolgreiche elite. die gesellschaftliche erosion beginnt also nicht im vielgeschmähten proletariat, sondern einmal mehr im bürgertum, das angeekelt in den osten blickt und die augen vor seinen eigenen extremen verschließt.

denn es existiert eine überakademisierung der politik. bürgerliche politiker geloben immer wieder die bildungsoffensive, mit der insbesondere eine akademisierungsoffensive gemeint ist – die aufnahme von kindertagesstätten in den bildungskanon oder gar das thema inklusive bildung findet sich in den parteien so gut wie gar nicht: bildung bedeutet hochschulbildung. doch immer wieder wird genau vor dieser überakademisierung gewarnt, denn die bevölkerung besteht nur zu einem drittel aus akademisch gebildeten – und bildung an sich ist kein auszeichen für weltoffenheit und toleranz, wie insbesondere afd, aber auch fdp und die leitkultur-gierige cdu/csu immer wieder beweisen. der höchst unausgewogen besetzte bundestag, der sich in seiner zusammensetzung nicht an der sozialstruktur des landes orientiert und zum großteil aus juristen besteht, ist signifikant für eine distanzierung des politischen von sich selbst, und das in ganz europa. eine untersuchung des vertrauensverlustes in das instrumentarium der demokratie sollte neben ökonomischen ursachen auch und gerade die bildungsentfernung der mandatsträger vom souverän ins auge fassen.

insbesondere in ostdeutschland bzw dem ehemals sozialistischen osteuropa, wo der akademisierungsgrad künstlich niedrig gehalten wurde und intellektuellenfeindlichkeit gefördert wurde, wird dies wahrgenommen als gesellschaftliche distanz. (übrigens ein grund dafür, dass die linke dort traditionell stark und die grünen ziemlich schlecht dastehen: die grünen in ihren ursprünglichen pullover-outfits versinnbildlichten idealtypisch den „arbeitsscheuen studenten“.) der afd gelang es ganz offenkundig, mit ihrem aggressiv ausländerfeindlichen, völkisch-nationalen, anti-elitären und auf egoismus ausgerichteten wahlkampf aus dieser distanz für sich kapital zu schlagen. daraus jedoch abzuleiten, dass es das geringere bildungsniveau im osten sei, das derartige zustände hervorbringt, auch der irrt auf seinem bildungsbürgerlichen ross. ein zentraler aspekt, der im verhältnis ost und west eine rolle spielt, wird nämlich oft übersehen: die schrumpfung der ostdeutschen bevölkerung. und damit die entwicklung einer extremen und sozial überforderten gesellschaft: die bevölkerung im erwerbsfähigen alter nimmt signifikant ab. während im westen die bevölkerung mehrheitlich wächst. die bevölkerung im osten verarmt und vereinsamt – ein klima für extreme positionen, zumal ihnen wie in sachsen wenig politischer gegenwind droht.

leider stehen in ganz europa nicht die zeiten auf besonnene analyse und schon keineswegs auf langfristige politische perspektiven, gar visionen. die politischen und ökonomischen erschütterungen der vergangenen jahre haben mit dem heutigen tag sämtliche europäischen länder erfasst. und die ankündigung des neu-nationalen afd-vorsitzenden gauland, merkel (und damit die demokratische verfasstheit des landes) zu „jagen“, lässt auf eine maximal destruktive strategie schließen. es wird ebenso laut und widerwärtig weitergehen, wie es in den vergangenen jahren zuging. und es ist an uns, dem so bestimmt wie möglich entgegen zu stehen und etwas anzubieten, um nicht die bereits entstandenen schäden noch zu vergrößern. auch und insbesondere für diejenigen ostdeutschen, die nicht für die neuen nazis gestimmt haben.

zu fest gebunden

Isabelle Lehn Binde zwei Vögel zusammen

Dichtung und Wahrheit sind bekanntermaßen ein eigentümliches Gespann, das sich umflattert und liebkost ebenso wie sich rauft und zankt, aber nie können beide voneinander lassen. Man sollte sie dennoch besser nicht vermischen. In Zeiten höchst kunstvoller medialer Inszenierungen, aggressiver Propaganda, Verhöhnung kritischen, dokumentierenden und faktenbasierten Journalismus, Bildermanipulationen, Realitätssimulationen, zunehmender Irrgläubigkeit und wild blühender Verschwörungstheorien sind Dichtung und Wahrheit allerdings kaum mehr zu unterscheiden. Dies könnte die Basis für einen komplexen, irritierenden, im pynchonschen Sinn erkenntnistheoretischen Roman darstellen, der sich mit eben diesen medialen Irrungen, Wirrungen und Dekonstruktionen beschäftigt. Zumal, wenn es um Kriege geht, um deren mediale Darstellung als Deutungsansatz und Wertungshoheit erbittert gekämpft wird.

Binde zwei Vögel zusammen von Isabelle Lehn könnte so ein Roman sein. Es geht um den Afghanistankrieg, um Bildertheorie, um Journalismus, eine zutiefst irritierte Hauptfigur, die sich in Dichtung und Wahrheit, Simulation und Realität, verfangen hat. Der junge Journalist Albert hat in einem bayrischen Trainingscamp von Bundeswehrsoldaten, die für ihren Afghanistaneinsatz vorbereitet werden sollen, für sechs Wochen einen Statisten gemimt, den Afghanen „Aladdin“, der ein Café betreibt und Teil eines künstlichen Dorfes ist, in dem alle für die Soldaten relevanten Situationen durchgespielt werden sollen. Albert wollte darüber eine Reportage schreiben, doch das Camp hat ihn derart verstört, dass er aus der Figur „Aladdin“ nicht mehr in sein vorheriges Leben zurückfindet und das ihm Stück für Stück entgleitet. Ein aktuelles Thema, von einer jungen Autorin verfasst, die in relevanten Literaturzeitschriften publiziert hat (z.B. Edit, Am Erker, Sinn und Form, ndl) und sich wissenschaftlich mit den Themen Propagandaforschung, Massenkommunikation und Medienwirkungen beschäftigt hat, das sollte doch ein gutes Stück Literatur sein. Allein – der Roman hält davon wenig.

Dass der Roman steif wirkt und inhaltlich wenig überzeugt, liegt zum einen am äußerst dünnen Plot: Mehr als Erinnerungen an die Zeit im Camp und ein paar Erlebnisse danach, aus der schizophrenen Sicht des Protagonisten erzählt, sind es nämlich nicht. Die Hauptfigur Albert-Aladdin ist gespalten, spricht von sich selbst als von zwei Personen und verhält sich extrem distanziert, beobachtend zu sich selbst. Diese Schizophrenie ist als psychologischer Konflikt angelegt, kommt aber oft nicht weiter als zum sehr vordergründigen Namens- und Biografietausch und entwickelt sich während der Handlung nicht mehr. Das Geschehen bezieht sich nur auf diese Spiegelung Albert-Aladdin bzw im Camp-draußen. Emotionslos schildert Albert-Aladdin Beobachtungen im Camp, den Auszug seiner Freundin aus der gemeinsamen Wohnung, seine vollständige Vereinsamung, als sei das letztlich ohne Belang, unberührt, unterkühlt, unwesentlich. Diese Leere streckt sich auf knapp 200 Seiten eines Buches, das schon seine Gattung erdichtet – es schlicht kein Roman, sondern eine überdehnte Erzählung, die ohne seitenlange Zitate, medienkritischen Überbau und deutlich gekürzt sicherlich reizvoll zu lesen sein könnte.

Doch eigentlich ist es nicht einmal das, denn der Text macht noch unter der Widmung klar: Er möchte gar keine Literatur sein. Diese Geschichte ist wahr. Das ist eine Drohung, eine Drohung für den Leser („Du musst mir alles glauben!“) und für die Literatur: Warum, wenn die Geschichte doch wahr ist, in Form einer Fiktion? Ist das extra-clevere, mega-subtile Medienkritik? Dafür bräuchte es diesen didaktischen Vorsatz, dieses literarische Korsett nicht. Ob es wahr ist oder nicht, kann der Literatur völlig egal sein. Und was die Leser mit dem Text anfangen, bleibt eh ihnen überlassen, ob sie nun von der Realität bedroht werden oder nicht. Und ob die schizophrene Störung von Albert-Aladdin wahr ist oder nur erdichtet, plausibel jedenfalls ist sie nicht. Doch um die Wahrheit der Geschichte noch viel wahrer und unausweichlich real erscheinen zu lassen, prangt ganz am Ende des Buches auch ein Quellenverzeichnis, in dem medientheoretische Schriften, Romane und Zeitungstexte friedlich nebeneinander stehen. Ein Roman mit Handapparat? Warum nicht auch noch Fußnoten? Oder ist der Roman sowieso als Doktorarbeit verfasst?

Um ihrem Text auch wirklich jede Luft abzuschnüren, erklärt Lehn noch ihren – eigentlich sehr poetischen – Titel im Roman. Nichts bleibt dem Zufall bzw der Imagination des Lesers überlassen, denn die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Und plötzlich geht jede Poesie, die im vorangestellten Rumi-Zitat noch aufgerufen wird und ein wenig nach West-östlichem Diwan duftet, verloren: die schizophrene Hauptfigur ist wie zwei zusammengebundene Vögel, die nun trotz ihrer vier Flügel nicht mehr fliegen können. Wow. Was genau ist nun eigentlich der poetische Mehrwert, den die wahre Geschichte durch ihre schematische Psychologisierung erfahren hat? Die Reflexionen über Bildertheorien, Simulationen und Krieg wirken in diesem grotesken Setting bemüht und streberhaft und sowieso wie die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Recherche statt besonders narrativ.

Vermutlich sollte das so nicht gezeigt werden, aber als Ergebnis lässt sich lesen: die Vögel Dichtung und Wahrheit bzw Fiktion und Doktorarbeit, so eng zusammengebunden wie in Lehns Roman, lässt in der Tat beide abstürzen.

Isabelle Lehn: Binde zwei Vögel zusammen. Eichborn Verlag, Köln 2016, 192 Seiten, 18 €.